Jung und alt, eurythmisch vereint

Prozessionen, Proklamationen: «Medúlla» nach Björk in den Werkstätten der Brüsseler Oper

Natürlich muss man im Musiktheater keine Geschichten mehr erzählen. Und natürlich darf ein Regisseur einfach mal seinen musikalischen Vorlieben frönen, statt immer nur Händel, Verdi oder Alban Berg szenisch nachzulaufen. Der in den Niederlanden lebende israelische Theatermacher Sharon Minailo liebt die isländische Pop-Ikone Björk, ihre schräge Garderobe und die raue, herausgequetschte Diktion.

Auf ihrer 2004 erschienenen CD «Medúlla» hat sich Björk, zumeist in a-cappella-Arrangements, mit den autochthonen Riten ihrer Insel und den fundamentalen Bedingungen menschlicher Beziehungen auseinandersetzt ‒ nach ihrer ersten Schwangerschaft, was das Projekt auch zum Manifest weiblicher Körper- und Befindlichkeit macht.

Minailo hat die Titel von «Medúlla» also nicht zu einer Handlung, sondern ‒ um Strawinskys «Sacre» zu paraphrasieren ‒ zu Bildern aus dem heidnischen Island arrangiert. Ein schwarzer Gaze-Vorhang trennt in der Salle Malibran der Brüsseler Opernwerkstätten das Publikum von den seltsamen Ritualen, die sich in einem spärlich erleuchteten Bühnengeviert abspielen. Der Schlagzeuger Simon Weetjens ist Medizinmann und Spielmacher im Zentrum, trommelt archaische Stampfrhythmen, lässt ...

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Opernwelt April 2015
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Michael Struck-Schloen

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