Scham und Schande

Katie Mitchell zeigt Janáčeks «Jenůfa» in Amsterdam als Sozialdrama, Tomáš Netopil dirigiert das Werk wie eine epische Symphonie

Ein Klang zerschneidet die Stille der Nacht. Reißt ein Loch in die Welt des Traumes, aus dem die junge Mutter gerade in diesem Augenblick wie trunken ans dämmrige Licht taumelt, orientierungslos, einsam verloren. Niemand da, der ihr helfen, sie stützen könnte, nur diese Solo-Violine, die in der höchsten Lage schmerzensreiche Töne von sich gibt und die Erinnerung an jenes Stück in uns wachruft, das sein Schöpfer dem Andenken eines Engels widmete. Es ist nicht die einzige Parallele.

Denn wie Alban Bergs Violinkonzert, so steht auch dieser sehrende Gesang im zweiten Akt von Leoš Janáčeks «Jenůfa» im direkten Zusammenhang mit dem Tod eines Kindes.

Und wie trostlos ist überhaupt diese ganze Existenz! In einem Verschlag unterhalb der Küchenspüle eines stillgelegten Wohnwagens, dessen Vorhänge seit Wochen schon verschlossen sind, hat Jenůfa für sich und ihren kleinen, kurz zuvor geborenen Stewa ein Lager eingerichtet, inmitten von Gasflaschen, Kabeln, Kisten und Kissen. Die Geburt hat sie sichtlich mitgenommen. Der Gang ist schwer, die Müdigkeit gewaltig, jedwede Jugendfrische dahin. Und Hoffnung nirgends in Sicht. Das Leben: ein verpfuschter Versuch.

Anrührend, wie Annette Dasch ...

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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten