Familientragödie

Janáček: Jenůfa
Wiesbaden | Staatstheater

Das Bild könnte trostloser kaum sein: eine junge Braut, allein am lieblos gedeckten Tisch, im hochgeschlossenen, schwarzen Kleid, mit bleichen Wangen, den Blick ins Irgendwo gerichtet. Wie eine leere Hülle sitzt da die schöne Jenufa, schutzlos und scheu, aber es scheint, als würde sie von dem, was um sie herum geschieht, gar nichts mehr mitkriegen. Als sei sie innerlich bereits tot.

Gäbe es nicht die kaleidoskopische Musik, man wähnte sich spätestens jetzt in einem Stück von Ibsen, wiewohl mit parabelhaft-proletarischem Einschlag.

Exakt in diese Richtung steuert Ingo Kerkhof in seiner konzentriert-elaborierten Wiesbadener Inszenierung. Er sucht erst gar nicht nach planer Verheutigung oder nach Ideenansätzen, die tagespolitische Aktualität simulieren. Kerkhof bleibt ganz eng beim Stoff, in dessen temporärer Verortung, in seinem trist-trüben Kern. Der Prolog zeigt es: Noch bevor Generalmusikdirektor Patrick Lange den Taktstock hebt, wird in einer fünfminütigen, durch leise Folklore vom Band begleiteten Szene die komplexe Genealogie der Buryjas im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aufgeblättert. Dem Regisseur geht es in erster Linie nicht um soziale Schieflagen, er liest das Stück ...

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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten