Ins Innere der Seele
Das französische Wort «traversée» besitzt im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Gemeint sein kann damit sowohl das Überqueren eine Brücke, das Durchschwimmen eines Flusses, aber auch ein Flug übers Gebirg’ hinweg.
Für Patricia Petibon und Andrea Marcon bedeutet es, wie der italienische Dirigent in einem kleinen Beitrag für das Booklet des Albums «La Traversée» durchaus poetisch darlegt, noch etwas Größeres: eine Reise, die insbesondere von persönlichen Spannungen und Empfindungen bestimmt ist, durch mehrere Jahrhunderte der Musikgeschichte führt und dabei die Gefühlswelten der französischen Sopranistin ans Licht bringt – mithin als ein in Töne gefasstes Psychogramm einer Künstlerinnenseele zu verstehen ist.
Diese Seele wandert gleichsam durch die Epochen, vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zu Giuseppe Verdi (und zu dessen «Les Vêpres siciliennes» und Hélènes flammenden Appell «Ami! Le cœur d‘Hélène»). Ausgangspunkt für Petibons facettenreiche Selbsterkundung bildet die «Passacaglia della vita» von Stefano Landi, ein streng gefasstes, melodiös behutsames Stück, das sie mit betonter Zurückhaltung singt, äußerst vorsichtig, distanziert-distinguiert. Schon hier wird eine Eigenart ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 36
von Jürgen Otten
Es war die Renaissance des romantischen und des klassischen Belcanto-Repertoires, die seit Beginn der 1960er-Jahre zur Nachfrage nach wendigen Mezzo- und Altstimmen führte – insbesondere für etliche der zentralen Partien von Gioachino Rossini, dessen Opern in den sechs, sieben Jahrzehnten zuvor Opfer der Tradition, also der «Schlamperei» (Gustav Mahler), geworden...
Bei Betrachtung der Vorab-Fotos hatte man noch gebangt. Santa Cecilia als kettenrauchendes, männerverschlingendes Biest? In einem Kleid, das aussah wie ein Opernzitat, eng geschnitten und mit folkloristischen Applikationen? Doch eine Carmen wird die Bartoli uns und sich wohl auf ewig ersparen – in Sevilla, so das Motto ihrer diesjährigen Pfingstfestspiele, sind...
Überall, jederzeit». So lapidar die Regieanweisung des Komponisten, so fundamental das im Stück verhandelte Sujet: Der Conditio humana, den Bedingungen und Umständen menschlichen Daseins gilt es nachzuspüren. Dazu schwebt die Tochter des hinduistischen Gottes Indra hinab auf die Erde. Der Menschen Schicksal zu erkunden, deren Leiden und Klagen zu durchleben und –...
