Immer nur Angst
Es gibt Künstler, deren Ästhetik wie Œuvre relativ homogen, wenn nicht gar monolithisch wirken: Bei aller Entwicklung, auch Variabilität, wirken sie quasi einschichtig, kaum durch Brüche, Widersprüche gefährdet. Was hohe Komplexität keineswegs ausschließt.
Komponisten wie Mussorgsky, Bruckner, Webern, Varèse eindimensional zu nennen, käme einem schwerlich in den Sinn; doch ihr Personal-Stil ist stets so unverwechselbar, dass die bei manch anderen oft unvermeidbare Frage ausbleibt: «Welchen» Bach, Schubert oder Schönberg meint man denn? Dann wiederum gibt es die wandelbar Vielgesichtigen, ja Janusköpfigen, schier musikalische Chamäleons, etwa Ravel, Strawinsky, auch Ernst Krenek.
Ein Komponist freilich steht für die Extreme des provozierend Simpel-Banalen und des überaus Ernsthaften, ja Sakralen, darin am ehesten Hindemith vergleichbar – bis hin zur anfänglichen «enfant terrible»-Rolle, gespeist aus der Abwehr deutschen Anspruchsdenken bei Wagner wie Schönberg: Musik als «Botschaft», «Ausdruck» und autonome Struktur war nicht seine Sache. An unbeschwerter Fröhlichkeit, spielerischer Nonchalance lag ihm weit mehr.
Nicht zufällig hat sich dieser demonstrativen Saloppheit wegen Alfred ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Panorama, Seite 68
von Gerhard R. Koch
Vor 75 Jahren, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ließen im Sommer einige Kulturhungrige am Bodensee nahe dem Ufer in Ermangelung einer intakten Spielstätte zwei Kieskähne zusammenspannen: Auf dem einen saß das Orchester, auf dem anderen agierten Sänger und Tänzer, gegeben wurden Wolfgang Amadé Mozarts Schäferspiel «Bastien und Bastienne» sowie als Ballett...
Wie oft bewährt sich die Kunst eines großen Sängers in Liedern, die schwerlich als «groß» zu bezeichnen sind – wie zum Beispiel in jenen Canzoni Napoletane, die, wie Adorno in seiner Musiksoziologie (1962) feststellte, «zwischen Kunstlied und Gassenhauer wunderlich die Mitte halten». Die Frage, ob sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts diesen Charakter behalten...
«Di Lete all’altra sponda, ombra compagna anch’io voglio venir con te», sehnt sich Andromeda am Leichnam des Perseus. Es ist die unauslöschliche Hoffnung eines Menschen, dem das Liebste genommen wurde: dass der Abschied nicht endgültig sei, dass es vielmehr gestattet werde, den Heimgegangenen als Schatten zum anderen Ufer der Lethe zu begleiten. Lisette Oropesa hat...
