Ich will den Leuchtstab ungern tragen
Touristische Camouflage oder qualitativ hochwertige Oper? Rein kommerzielles Verführungsangebot oder Musiktheatererlebnis der Sonderklasse? Oder, um es kurz zu fassen: Verona – oder nicht Verona? Das ist hier die Frage.
Der Opernkritiker fährt hin, denn seit genau 100 Jahren bespielt man die fraglos äußerst eindrückliche Arena. 30 nach Christus wurde sie erbaut, also potenziell sogar fast im möglichen Sterbejahr Jesus von Nazareths. Die Barbarei, die sich in den damaligen Kreuzigungen hier (Golgatha) ihren Bann brach, hielt auch dort (Verona) Einzug.
Es war der Einzug von versklavten, geschundenen Menschen, die auf gefangene und gequälte Tiere zur Belustigung von Volk und Führung losgelassen wurden – «Tod und Spiele». Dieser Aspekt wird 2000 Jahre «danach» in Verona freilich im Sinne einer hierzulande gottlob subtil, detailliert und kompetent verfolgten Erinnerungspolitik nicht bedacht, kommt nirgendwo vor, wird ausgeblendet, erfährt keine Sichtbarkeit. Es ist vielleicht auch zu lange her – entsprechende Gladiatorenfilme haben cineastisch aufbereitete Darmschlingenherausquellungen in ihrer rezipierbaren Affirmation längst hoffähig gemacht.
Noch nicht sehr lange her ist es dagegen, ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Arno Lücker
Unter dem etwas kryptischen Titel «Maria Mater Meretrix» – frei verdeutscht «Heilige, Mutter, Hure» – legt die Sopranistin Anna Prohaska ihr jüngstes Konzeptalbum beim Label Alpha Classics vor. Diesmal hat sich die singende Extremistin mit einer ebenso radikal kompromisslosen Kollegin, der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, verbündet. Die beiden absolvieren,...
Frau Stikhina, sind Sie manchmal neidisch auf Radamès? Er ist mit seiner Arie kurz nach Beginn dran inklusive hohem B, kann dann einigermaßen relaxen – und Sie müssen bis zur Nil-Szene warten ...
Na ja, für mich gibt es dazwischen noch einiges. «Ritorna vincitor» zum Beispiel. Ich bin nicht neidisch, weil Radamès letztlich dreimal weniger zu singen hat als Aida....
Seinen Namen kennen vermutlich nur wenige Eingeweihte. Dabei war Gerschon Sirota zu Lebzeiten eine Legende – und spätestens seit seinem Debüt am 13. März 1921 an der Metropolitan Opera in New York zumindest in den USA auch ein Star. Vor ausverkauftem Haus sang der «jüdische Caruso» an diesem Abend, an der Orgel einfühlsam begleitet von seinem Sohn Naftali, ein rein...
