Ich will den Leuchtstab ungern tragen
Touristische Camouflage oder qualitativ hochwertige Oper? Rein kommerzielles Verführungsangebot oder Musiktheatererlebnis der Sonderklasse? Oder, um es kurz zu fassen: Verona – oder nicht Verona? Das ist hier die Frage.
Der Opernkritiker fährt hin, denn seit genau 100 Jahren bespielt man die fraglos äußerst eindrückliche Arena. 30 nach Christus wurde sie erbaut, also potenziell sogar fast im möglichen Sterbejahr Jesus von Nazareths. Die Barbarei, die sich in den damaligen Kreuzigungen hier (Golgatha) ihren Bann brach, hielt auch dort (Verona) Einzug.
Es war der Einzug von versklavten, geschundenen Menschen, die auf gefangene und gequälte Tiere zur Belustigung von Volk und Führung losgelassen wurden – «Tod und Spiele». Dieser Aspekt wird 2000 Jahre «danach» in Verona freilich im Sinne einer hierzulande gottlob subtil, detailliert und kompetent verfolgten Erinnerungspolitik nicht bedacht, kommt nirgendwo vor, wird ausgeblendet, erfährt keine Sichtbarkeit. Es ist vielleicht auch zu lange her – entsprechende Gladiatorenfilme haben cineastisch aufbereitete Darmschlingenherausquellungen in ihrer rezipierbaren Affirmation längst hoffähig gemacht.
Noch nicht sehr lange her ist es dagegen, ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Arno Lücker
In den 49 Jahren seines Bestehens hat sich das Festival della Valle d'Itria als eines der aufregendsten Sommerfestivals in Europa etabliert, wovon auch das Publikum zeugt, das aus der ganzen Welt in die apulische Barock-Kleinstadt pilgert. Dieses Jahr trauert Martina Franca um den im Februar verstorbenen Franco Punzi, der als eine Art Amphitryon der Festspiele...
Seinen Namen kennen vermutlich nur wenige Eingeweihte. Dabei war Gerschon Sirota zu Lebzeiten eine Legende – und spätestens seit seinem Debüt am 13. März 1921 an der Metropolitan Opera in New York zumindest in den USA auch ein Star. Vor ausverkauftem Haus sang der «jüdische Caruso» an diesem Abend, an der Orgel einfühlsam begleitet von seinem Sohn Naftali, ein rein...
Wenden wir uns bei dieser Premiere, in deren Vorfeld sehr viel von Augmented Reality, von Brillen und Brillenkosten die Rede war, zunächst der akustischen Realität zu. Die war nämlich nicht weniger ungewöhnlich als das, was man durch die Brillen sah, und nutzte dafür sehr viel einfachere Mittel. Da ist der viel gelobte und immer als Konstante vorausgesetzte...
