Ich will den Leuchtstab ungern tragen
Touristische Camouflage oder qualitativ hochwertige Oper? Rein kommerzielles Verführungsangebot oder Musiktheatererlebnis der Sonderklasse? Oder, um es kurz zu fassen: Verona – oder nicht Verona? Das ist hier die Frage.
Der Opernkritiker fährt hin, denn seit genau 100 Jahren bespielt man die fraglos äußerst eindrückliche Arena. 30 nach Christus wurde sie erbaut, also potenziell sogar fast im möglichen Sterbejahr Jesus von Nazareths. Die Barbarei, die sich in den damaligen Kreuzigungen hier (Golgatha) ihren Bann brach, hielt auch dort (Verona) Einzug.
Es war der Einzug von versklavten, geschundenen Menschen, die auf gefangene und gequälte Tiere zur Belustigung von Volk und Führung losgelassen wurden – «Tod und Spiele». Dieser Aspekt wird 2000 Jahre «danach» in Verona freilich im Sinne einer hierzulande gottlob subtil, detailliert und kompetent verfolgten Erinnerungspolitik nicht bedacht, kommt nirgendwo vor, wird ausgeblendet, erfährt keine Sichtbarkeit. Es ist vielleicht auch zu lange her – entsprechende Gladiatorenfilme haben cineastisch aufbereitete Darmschlingenherausquellungen in ihrer rezipierbaren Affirmation längst hoffähig gemacht.
Noch nicht sehr lange her ist es dagegen, ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Arno Lücker
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