Heiter bis wolkig
Am ehemaligen Stammhaus seines vor 21 Jahren verstorbenen Lehrmeisters (dessen «Ring»-Deutung er ebendort ablöst) gibt sich Stefan Herheim auf den ersten Blick als gelehriger Schüler. Denn fast gebetsmühlenartig predigte Götz Friedrich seinerzeit den Studierenden, sie mögen doch bitte bei der Konzeption ihrer Inszenierungen unbedingt die drei dramaturgischen Zeiten bedenken: die im Libretto niedergelegte Epoche, die Entstehungszeit des Stücks sowie die Gegenwart der aktuellen Aufführung.
In Wagners Tetralogie sind dies der Mythos der germanischen Götterwelt, die Mitte des 19. Jahrhunderts und das Jahr 2021. Das auf der Bühne nachgebaute Foyer der Deutschen Oper Berlin führt uns zur nornenraunenden Frage des «Weißt du, wie das wird?» sogleich ins Hier und Jetzt, gottlob ohne Andeutungen der Corona-Einschränkungen: Man sitzt wieder eng an eng im Saal; Solisten, Chor, Extrachor und Statisterie kommen sich so nah, wie der norwegische Regisseur es von ihnen verlangt. Erstaunlich genug: Das Ambiente der nachkriegsmodern nüchternen Westberliner Spießigkeit im Bornemann-Bau passt perfekt zur Gibichungen-Gesellschaft der «Götterdämmerung», wo das hinterrücks fiese Intrigieren maskiert ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Peter Krause
Es ist der 19. Januar 2004, der gemeinhin als Datum einer neuen Gruberová-Zeitrechnung gilt. Sicher, da war noch immer das technische Wunderwerkzeug, das sie in der Premiere von Donizettis «Roberto Devereux» vorführte. Die Tonfontänen, die sie bis in die Stratosphäre schoss. Die Klangfäden, silberfein leuchtend, endlos lang gesponnen und doch so reißfest. Überhaupt...
Diese Aufführung ist ein Angriff auf alle Sinne. Wer Bertolt Brechts Lehrstück aus dem Jahr 1939 für politisch überholt und seine Vertonung durch Paul Dessau aus dem Jahr 1951 für musikalisch blass hielt, wird durch die Stuttgarter Inszenierung eines Besseren belehrt. Aktuell ist «Die Verurteilung des Lukullus», die bei ihrer Uraufführung an der Ost-Berliner...
Über Jesus Christus und Richard Wagner, heißt es, seien so viele Texte geschrieben worden wie sonst über keine anderen historischen Figuren. Ob das stimmt, bleibe dahingestellt. Aber als Religionsstifter eigener Art hat Wagner jedenfalls durchaus fungiert. Entsprechend polarisierend war die Rezeption zwischen Verklärung und Verteufelung von der Mitte des...
