Handel's Queen
Die Frau spinnt. Scheint völlig neben der Spur zu sein. Vermutlich eine Nymphomanin. An jedem Typen, der vorüberkommt, schnüffelt sie herum wie an einer Linie Koks; ob alt oder jung (der Typ, nicht das Kokain), spielt keine Rolle. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Morgana in ihrem Leben vor allem ein Ziel hat, und das besteht darin, Männer zu verführen. Also rennt Alcinas Punk-Schwester. Rennt in ihrem durchscheinend-dunkelblauen Vintagekleid, mit coolschwarzen Doc Martens an den Füßen über die Bühne – jedoch nicht um ihr Leben, sondern dem «Joy of Sex» hinterher.
Nur einen übersieht sie lange Zeit, und das ist ausgerechnet jener Mann, der sie aufrichtig liebt.
Für Mary Bevan scheint die Partie wie gemacht. Sie verlangt Spielfreudigkeit und Schnelligkeit nicht nur im Vokalen, sie verlangt Agilität, Flexibilität, Variabilität. Und sie liegt hoch. Etliche Male umkreist Morganas Tessitur das zweigestrichene a, nicht selten ist in der Partitur davor ein gewaltiger Sprung aufwärts notiert. Doch die englische Sopranistin fliegt über diese Bergwelten in Händels «Alcina» mit rhetorisch eleganter Leichtigkeit hinweg. Gefragt, wie viel Prozent von Morgana in ihr selbst wohnen, ...
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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Jürgen Otten
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