Handel's Queen
Die Frau spinnt. Scheint völlig neben der Spur zu sein. Vermutlich eine Nymphomanin. An jedem Typen, der vorüberkommt, schnüffelt sie herum wie an einer Linie Koks; ob alt oder jung (der Typ, nicht das Kokain), spielt keine Rolle. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Morgana in ihrem Leben vor allem ein Ziel hat, und das besteht darin, Männer zu verführen. Also rennt Alcinas Punk-Schwester. Rennt in ihrem durchscheinend-dunkelblauen Vintagekleid, mit coolschwarzen Doc Martens an den Füßen über die Bühne – jedoch nicht um ihr Leben, sondern dem «Joy of Sex» hinterher.
Nur einen übersieht sie lange Zeit, und das ist ausgerechnet jener Mann, der sie aufrichtig liebt.
Für Mary Bevan scheint die Partie wie gemacht. Sie verlangt Spielfreudigkeit und Schnelligkeit nicht nur im Vokalen, sie verlangt Agilität, Flexibilität, Variabilität. Und sie liegt hoch. Etliche Male umkreist Morganas Tessitur das zweigestrichene a, nicht selten ist in der Partitur davor ein gewaltiger Sprung aufwärts notiert. Doch die englische Sopranistin fliegt über diese Bergwelten in Händels «Alcina» mit rhetorisch eleganter Leichtigkeit hinweg. Gefragt, wie viel Prozent von Morgana in ihr selbst wohnen, ...
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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Jürgen Otten
Das deutsche Wort «Sehnsucht» sei in andere Sprachen kaum übersetzbar, schreibt die kanadische Sängerin und Dirigentin Barbara Hannigan in ihrem Vorspann zur gleichnamigen CD mit Werken von Berg und Mahler. Sie erklärt es ihrem internationalen Publikum als «ein Verlangen nach etwas, das nicht sein kann», als «einen Verlust, der nur ein endloses Sehnen hinterlässt»....
Drei Männer lieben (begehren?) dieselbe Frau. Ein spanischer König, der kurz davor ist, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekürt zu werden, also die Macht hätte, die Angebetete in ihr «Amt» zu zwingen; ein greiser Grande, dem seine Neigung allein deswegen kaum zusteht, weil er der Onkel der Tugendhaften ist; schließlich ein adeliger Jüngling, der seine...
Wo ist die Bühne? Außen oder innen?», fragt der Schauspieler und Tänzer Nicolas Franciscus (auf Ungarisch) im Prolog zu Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» am Theater Basel. Christof Loy mag vor allem Bilder, die im Inneren des Betrachters entstehen. Deshalb meidet er auch in dieser Regiearbeit, einer Koproduktion mit dem Teatro Real in Madrid, ein allzu...
