Glitzerlametta

Stuttgart, Verdi: Aida

In seiner mit Spannung erwarteten Stuttgarter Inszenierung hat Karsten Wiegand Verdis «Aida», man kann es nicht anders sagen, in den Sand gesetzt. Er ließ sich von Bärbl Hohmann einen goldglänzenden Kasten auf die Bühne wuchten: Antichambre für die wartende Priester- und Hofkamarilla einer totalitären Diktatur, auswegloses Gefängnis für drei junge Menschen – Aida, Radamès und die Pharaonentochter Amneris –, deren persönliches Glück, ja Leben unerbittlich im Schulterschluss von Militär und Religion der Staatsräson zum Opfer fällt.

Statt diesen Raum dramaturgisch zu nutzen, hat Wiegand ihn in den beiden ersten Akten so hemmungslos mit Chor- und Statis­tenmassen vollgestellt und die Solisten meist bis zur Rampe abgedrängt, dass Verdis packendes Drama in hilflos platter, oratorischer Statik erstarrte. Personenregie war nicht einmal in Ansätzen zu sehen, geschweige dass die zerreißenden Emotionen im Mit- und Gegeneinander der vier Hauptfiguren szenisch ausgetragen werden.
Vollends ins Abseits trudelte die Aufführung mit dem dritten Akt: Die Auseinandersetzung zwischen Aida und ihrem Vater spielte hinter Glitzerlametta. Radamès kam mit Sektpulle von der Siegesparty dazu. Zum letzten Duett ...

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Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Uwe Schweikert

Vergriffen
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