Gebrochenes Idyll
In seiner fünfaktigen französischen Fassung kommt Giuseppe Verdis «Don Carlos» dem Ideal einer perfekten Oper ziemlich nahe: Alle Figuren besitzen psychologische Glaubwürdigkeit. Wenn sie auch ihren historischen Vorbildern aus den langen Kriegszeiten des 16. Jahrhunderts mit dichterischer Freiheit nachgebildet sind (was für Schillers «dramatisches Gedicht» ebenso gilt wie für das Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle), wirken sie doch in ihrer Entwicklung so komplex wie echte Menschen aus dem wahren Leben.
«Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser.»
Des Komponisten späte und überaus stimmige Sentenz trifft sich verblüffend mit Schillers Zielen, der in seiner Schrift «Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet» fordert, die Zuschauer sollten im Theater mit der «Wahrheit» konfrontiert werden. Verdi, der Wahrheits(er)finder, hat seinen Figuren aber auch eine Musik von einer 1867 (dem Jahr der Pariser Uraufführung) erreichten Meisterschaft auf den Leib geschrieben. Da paaren sich die leitmotivische Gesamtanlage, packende Duette, das Einfühlungsvermögen in die Seelenwindungen einer jeden Figur mit einer aufregend ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Peter Krause
Kaum ein Werk des italienischen Repertoires steht wohl derart unter kritischem Regiebeschuss wie «Aida». Lange bevor sich eine junge Generation gebärdete, als hätte sie die Verbrechen des Kolonialismus entdeckt, er -regte Verdis für Kairo geschriebene Quasi-Grand-Opéra einiges Unwohlsein, weil sie Imperialismus nicht nur thematisierte, sondern selbst kulturellen...
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