Ganz und gar Musik

Neues aus Wien: Gerhard Persché über Händels «Giulio Cesare», ­Donizettis «La Fille du Régiment» und Lady Di als Opernheldin; dazu ein Bericht vom Symposium «Wie europäisch ist die Oper?»

Opernwelt - Logo

Der Vorwurf, dass man in eine Dichtung etwas «hineingelegt» hätte, sei ihr stärks­tes Lob, ätzte Karl Kraus. Denn nur in Dramen, deren Boden knapp unter ihrem Deckel liege, ließe sich beim bes­ten Willen nichts hineinlegen. Er schrieb dies freilich nicht über Händels «Giulio Ce­sare in Egitto», sondern 1906 zu Wedekinds Lulu-Stücken. Damals war Händel ja auch kein Thema; Oscar Bie etwa, in seinem so amüsant zu lesenden Buch «Die Oper» (1913), widmete den Bühnenwerken des großen Hallensers nur ein paar dürftige Absätze.

Händels Opern, vermerkte er zum Beispiel, hätten das abstrakte Naturell des Deutschen, der das Drama nicht genug liebte, um ihm die Musik anzuvertrauen, und die Musik zu sehr, um ihren sinnlichen Freuden alles zu opfern.
Was man jedoch an sinnlichen Freuden in Händels Opern «hineinlegen» kann, haben herausragende Aufführungen speziell des «Giulio Cesare» vor allem in den letzten Jahrzehnten bewiesen. Musikalisch setzten geniale Barockmusikdirigenten wie eben René Jacobs neue Maßstäbe, und Regisseure griffen ohne die bremsende Diskussion um Aufführungstraditionen ins Füllhorn der Fantasie. Um zwei der auffälligsten Beispiele zu nennen: 1988 hat Peter Sellars in Brüssel ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Gerhard Persché, Matthas Nöther

Vergriffen
Weitere Beiträge
Janácek: Katja Kabanova

Alles ist offen. In der Kleinbürgermietskaserne samt tristem Innenhof fehlen die Wände. Jeder kann jeden sehen. Nur eine hat einen Vorhang, die Kabanicha, unangefochtene Herrscherin über den Block. Eine Domina im doppelten Sinne: Blockwart und sexuelle Herrscherin über Kaufmann Dikoj (Stephen Owen), dem sie mit der Peitsche zu Leibe rückt. Damit die anderen nicht...

«Gott hat mich immer gerne, doch ist er schrecklich weit»

Oper und Wahnsinn – das sind von ­alters her keine allzu weit von­einander entfernten Positionen. Nur dass sich die im Belcanto formgebundene Wahnsinnsarie in der Moderne zum existen­ziellen musikalischen Außer-sich-Sein entwickelt hat. Aber auch das kann (und erst dadurch wird es zur Kunst) mit klaren Kriterien und hohem ästhetischem Reiz verbunden sein, wie...

Drei tolle Tage

Figaro› wird von Musik-Kennern am meisten geschätzt. An Gedanken-Reichtum gleicht er dem ‹Idomeneo›, an Originalität weicht er keiner anderen». So wusste es vor mehr als zweihundert Jahren Franz Xaver Niemetschek, Augenzeuge der enthusias­tisch aufgenommenen Prager Erstaufführung der Oper. Ganz falsch ist das Urteil des ersten Mozart-Biografen auch heute nicht....