Frauen am Abgrund

Drei herausragende Sängerdarstellerinnen prägen die Salzburger Festspiele: Ausrine Stundyte den Doppelabend mit Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» und Orffs «De temporum fine comoedia»; Asmik Grigorian Puccinis «Trittico»; und Corinne Winters, als Titelfigur, Janáčeks «Katja Kabanowa»

Opernwelt - Logo

Die berühmten Arkaden der Felsenreitschule sind verschwunden. «Ihr sucht die Bühne?», fragt die Sprecherin des (sonst meist gestrichenen) Prologs. «Wo ist sie aufgeschlagen? In dir? In mir?» In den Wassern des Unbewussten wohl am ehesten liegt «Herzog Blaubarts Burg» bei Romeo Castellucci, nachdem der schwere schwarze Vorhang zur Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele zur Seite geglitten ist. Am dunklen Bühnenboden ist das feuchte Element fast nur zu ahnen, momenthaft erleuchtet von geometrischen Formen, aus denen Flammen schlagen.

 

Wie Feuer und Wasser sind Blaubart und Judith für Castellucci. Er, Mika Kares, das Wasser: bassig, etwas rau, aber gerade, ruhig. Sie, Ausrine Stundyte, das Feuer, von innen verglühend, am Verlust vielleicht des Kindes, dessen Schrei zu hören war, noch bevor Bartóks Musik einsetzt. Judith wälzt sich in den Wasserlachen, reißt sich den Slip vom Leib, versucht sich mit Elektroschocks das Leben zu nehmen, ein Vollbild dessen, was Sigmund Freud, zentrale Bezugsgröße für den Regisseur, als Hysterie diagnostiziert hätte. Castellucci, das muss man als erstes an diesem knapp vierstündigen Abend schlucken, kehrt die gängigen Rollen um: Nicht Blaubart ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Stallknecht, Markus Thiel, Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Talentschuppen

Ein Palast im fernen Morgenland, mit einem älteren Herrscher und einer jungen Sklavin; ein Gärtner, der die Schöne mit ihrem verschollen geglaubten Liebhaber zusammenführt; eine gescheiterte Flucht, unerwartete Wendungen und ein glückliches Ende: Unweigerlich denkt man da an Wolfgang Amadeus Mozarts «Entführung aus dem Serail». Aber auch Gioachino Rossini vertonte...

Tiefsinnige Parabel

Der Tod verweigert seine Arbeit. Und das hat erhebliche Konsequenzen: Es kann nicht mehr gestorben werden. Was an sich (vielleicht) eine gute Botschaft wäre, hat allerdings einen kleinen Haken: Das Leiden der Menschen verringert sich keineswegs. Zumal Kaiser Overall an die Fortsetzung des Krieges mit allen Mitteln denkt. Die Dezimierung des Feindes bleibt jedoch...

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt

Herr Kowaljow kommt in den Himmel. Schön und gut. Aber wie kommt Herr Kowaljow in den Himmel? Im Stück steht darüber nichts, da bleibt der bedauernswerte Beamte Platon Kusmitsch die ganze Zeit auf Erden, hilf- und ratlos seinen Qualen ausgesetzt; ein Mensch, der keine Nase mehr hat und darüber so unglücklich ist, dass sein Leben vom einen auf den anderen Tag ins...