Fliehkräfte
Das lange Sterben Violettas beginnt bereits bei geschlossenem Vorhang, mit den ersten Tönen des Preludio, Vorecho jenes zerbrechlichen Klanggespinstes in den hohen Violinen, das auch den letzten Akt von «La traviata» eröffnet und prägt. Es liegt nahe, Verdis Vorgriff auf das Ende der Oper auch szenisch zu realisieren. Genau das macht Rolando Villazón in seiner Inszenierung für das Baden-Badener Festspielhaus. Die Aufführung beginnt in vollkommener Finsternis. Ein Lichtstrahl lenkt den Blick auf die am Boden liegende Violetta.
Sie bringt eine Spieluhr zum Klingen, die Erinnerungen wachruft. Erst dann setzt Verdis Musik ein. Die Geschichte von Violettas Lieben, Leiden und Sterben wird als eine Art Delirium erzählt, in dem Realität und Fantasie im Sinne einer Traumlogik verfließen.
In den Massenszenen des ersten und dritten Bildes bevölkert eine grotesk kostümierte, womöglich einem Fellini-Film entsprungene Gesellschaft die von Johannes Leiacker als Mischung aus Zirkus, Varieté und übergroßer Spieluhr gestaltete Bühne. Das bis in die kleinste Rolle exzellent besetzte Ensemble der Nebenfiguren und der exzeptionell singende wie agierende Balthasar-Neumann-Chor schaffen eine geradezu ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Thomas Seedorf
Was für ein Leben! Eine Kindheit und Jugend zwischen Paris, Berlin und Riga. Sorglos, arglos, weltoffen, der Zukunft zugewandt. Der frühe, unstillbare Bildungshunger des Mädchens, das drei «Mutter»-Sprachen beherrscht – Französisch, Deutsch und Russisch. Der großzügige Vater, ein Geistesmensch, der als Wirtschaftsanwalt viel Geld verdient. Die schöne Mutter, von...
Lior Navok assoziiert mit «Fluss» nicht Lethe, sondern Ähnliches wie Henze in «Wir erreichen den Fluss» (1975) – eine symbolhafte Grenze von Lebenssphären. Sehr viel konkreter bezeichnet der israelische Komponist (Jahrgang 1971) den Fluss überdies als das trennende und verbindende Element zweier verfeindeter Völker (mit dem von beiden Seiten begehrten Wasser), und...
Jubilare
Peter Schreier kam 1935 als Sohn eines Kantors und Lehrers in Meißen zur Welt. Als Mitglied des Dresdner Kreuzchores wurden ihm bereits früh Alt-Solopartien übertragen. Nach dem Stimmbruch begann er, sich die Tenorpartien in Bachs Passionen und Kantaten zu erobern, mit denen sein Name bis heute verbunden ist. Nach dem Abitur studierte er an der Dresdner...
