Flieg, Schmetterling, flieg!

Riccardo Chailly dirigiert an der Scala Puccinis «Madama Butterfly» aus dem Geist eines zeitlosen Expressionismus, Alvis Hermanis sucht sein Heil im Illustrativ-Stilisierten

Der Tod trägt zwei Kreuze. Wie bei Mimì. Jetzt verabschiedet sich auch Cio-Cio-San, ihre Schwester im Geiste, in h-Moll aus dem Diesseits – würdevoll, wie es die Tradition verlangt. Ihr Suizid bedeutet den Umschlag des Tragischen ins Erhabene, den Triumph des individuellen Willens. Wie hat es Kirilow, Dostojewskys Held, postuliert: Im Freitod liegt die einzige Freiheit des Menschen.

Madama Butterfly wählt ihn, um der Schande zu entgehen, und sie ist in diesen Sekunden, wo sie sich mit dem Dolch, den sie aus den Habseligkeiten ihres Vaters in die Ehe mit Pinkerton eingebracht hat, die Halsschlagader durchtrennt, alles andere als ein Schmetterling, zerbrechlich wie dünnes Glas: Sie ist eine Königstochter.

Alvis Hermanis sucht in Mailand nicht nach dem Schrecken des Todes. Er sucht das Ritualhafte darin, die einsame, stolze Entscheidung. Maria José Siri verkörpert beides von Beginn an. Nie bricht ihr Sopran aus ins Ekstatische, stets besticht er durch diskrete Zurücknahme, durch unterschwellige Energetik mehr als durch jenes outrierte Agieren, wie es – rollenaffin – Bryan Hymel als Pinkerton zu eigen ist. Fast scheint es, als habe sie dieses Ende lange im Voraus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Liebesflöte, Wangenröte

In einem Interview mit dem Berliner «Tagesspiegel» hat Barrie Kosky bereits 2013, kurz nach seinem Amtsantritt als Intendant der Komischen Oper, den Dreisatz verraten, mit dem er die in Deutschland so schlecht beleumundete Operette zu neuem Leben erwecken will: «Du musst den Stil lieben, du musst die Stücke mit Stars besetzen, und du musst dich darauf ...

Polonaise Bolognese

Je brenzliger und explosiver sich das Verhältnis zwischen heutigem Okzident und Orient darstellt, desto naiver muten historisierende, politisch abstrahierende Versuche an, den Dialog der Kulturen musikalisch abzubilden. Längst nicht für alle Beispiele gilt dieser Vorbehalt – Ausnahmen sind zum Beispiel Jordi Savall und Yo-Yo Ma. Die hier zu besprechenden CDs...

Mut zur Lücke

Synergien, modifizierte Neuauflagen, neue Zugänge – der Buchmarkt ist um einige Musiklexika reicher geworden. Dass die Pressemitteilungen dazu manchmal vollmundiger daherkommen als das, was der Leser tatsächlich vorfindet, liegt in der Natur des Geschäfts. So soll das von Arnold Jacobshagen und Elisabeth Schmierer herausgegebene «Sachlexikon des Musiktheaters»...