Flieg, Schmetterling, flieg!
Der Tod trägt zwei Kreuze. Wie bei Mimì. Jetzt verabschiedet sich auch Cio-Cio-San, ihre Schwester im Geiste, in h-Moll aus dem Diesseits – würdevoll, wie es die Tradition verlangt. Ihr Suizid bedeutet den Umschlag des Tragischen ins Erhabene, den Triumph des individuellen Willens. Wie hat es Kirilow, Dostojewskys Held, postuliert: Im Freitod liegt die einzige Freiheit des Menschen.
Madama Butterfly wählt ihn, um der Schande zu entgehen, und sie ist in diesen Sekunden, wo sie sich mit dem Dolch, den sie aus den Habseligkeiten ihres Vaters in die Ehe mit Pinkerton eingebracht hat, die Halsschlagader durchtrennt, alles andere als ein Schmetterling, zerbrechlich wie dünnes Glas: Sie ist eine Königstochter.
Alvis Hermanis sucht in Mailand nicht nach dem Schrecken des Todes. Er sucht das Ritualhafte darin, die einsame, stolze Entscheidung. Maria José Siri verkörpert beides von Beginn an. Nie bricht ihr Sopran aus ins Ekstatische, stets besticht er durch diskrete Zurücknahme, durch unterschwellige Energetik mehr als durch jenes outrierte Agieren, wie es – rollenaffin – Bryan Hymel als Pinkerton zu eigen ist. Fast scheint es, als habe sie dieses Ende lange im Voraus ...
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Der enthusiastische Dilettant war seit je ein geheimer König im Musik- und Theaterleben des Vereinigten Königreichs. Deswegen scheint es nicht so unwahrscheinlich, dass Henry Purcells «Dido and Aeneas» zunächst als Schulaufführung präsentiert wurde, und zwar 1689 in Josias Priests Mädchenpensionat in Chelsea. Priest war freilich zugleich Ballettmeister am...
Lugo di Romagna – 32 000 Einwohner, zwischen Bologna und Ravenna gelegen – besitzt seit 1761 ein Juwel der italienischen Opernkultur: das kleine Teatro Rossini (450 Plätze). Eine gefühlte Ewigkeit lang ruhte der Betrieb, erst vor drei Jahrzehnten wurde es nach einer denkmalgerechten Sanierung wiedereröffnet: als Sitz des Lugo Opera Festivals. Gezeigt wurden...
«Orpheus und Eurydike», 1923 entstanden und 1926 in Kassel uraufgeführt, ist neben der zweiten Symphonie eines der Hauptwerke aus Kreneks expressionistisch-atonaler Frühphase. Während er sonst die Texte zu fast allen seinen Opern selbst schrieb, griff er hier zu Oskar Kokoschkas 1919 im Druck erschienenen Drama – einer modernen Version des antiken Stoffs, die...
