Flieg, Schmetterling, flieg!

Riccardo Chailly dirigiert an der Scala Puccinis «Madama Butterfly» aus dem Geist eines zeitlosen Expressionismus, Alvis Hermanis sucht sein Heil im Illustrativ-Stilisierten

Opernwelt - Logo

Der Tod trägt zwei Kreuze. Wie bei Mimì. Jetzt verabschiedet sich auch Cio-Cio-San, ihre Schwester im Geiste, in h-Moll aus dem Diesseits – würdevoll, wie es die Tradition verlangt. Ihr Suizid bedeutet den Umschlag des Tragischen ins Erhabene, den Triumph des individuellen Willens. Wie hat es Kirilow, Dostojewskys Held, postuliert: Im Freitod liegt die einzige Freiheit des Menschen.

Madama Butterfly wählt ihn, um der Schande zu entgehen, und sie ist in diesen Sekunden, wo sie sich mit dem Dolch, den sie aus den Habseligkeiten ihres Vaters in die Ehe mit Pinkerton eingebracht hat, die Halsschlagader durchtrennt, alles andere als ein Schmetterling, zerbrechlich wie dünnes Glas: Sie ist eine Königstochter.

Alvis Hermanis sucht in Mailand nicht nach dem Schrecken des Todes. Er sucht das Ritualhafte darin, die einsame, stolze Entscheidung. Maria José Siri verkörpert beides von Beginn an. Nie bricht ihr Sopran aus ins Ekstatische, stets besticht er durch diskrete Zurücknahme, durch unterschwellige Energetik mehr als durch jenes outrierte Agieren, wie es – rollenaffin – Bryan Hymel als Pinkerton zu eigen ist. Fast scheint es, als habe sie dieses Ende lange im Voraus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Unterm Seziermesser

An diesen Arrangements klebt nicht nur das Fin de siècle, sondern – aus etwas schräger Sicht – wohl auch das Wiener Kaffeehaus. Obwohl sie nicht für diese Lokale geschaffen wurden, sondern für Arnold Schönbergs 1918 gegründeten «Verein für musikalische Privataufführungen», dessen Konzerte in den unterschiedlichsten Sälen stattfanden, darunter der Musikverein...

Ich bin dein Licht

«Spezialisten», meinte Nikolaus Harnoncourt vor Jahren im Gespräch mit dem Schreiber dieser Zeilen, «betrachte ich mit Misstrauen. Denn wenn ich etwa nur Musik des Barock spiele, verliere ich den Kontakt zu dem, was künstlerisch sonst noch geschah und geschieht. Das Blickfeld wird eng, was man auch der Interpretation anhört ...» Wenngleich die älteste zur...

Geben und Nehmen

Es muss nicht an einer germano-zentrischen Haltung liegen, gepaart vielleicht mit gewisser Überheblichkeit. Dass das Liedschaffen französischer Komponisten hierzulande kaum eine Rolle spielt, hat vor allem mit der Sprache zu tun. Mit dem Erfühlen und Erfüllen von Nuancen, mit dem (auch hörenden) Bewusstsein für die Delikatesse von Färbungen, Lautformungen und...