Feinheit, Fülle, Freiheit

Kirill Petrenko entdeckt an der Bayerischen Staatsoper «Die Meistersinger von Nürnberg» neu, David Bösch verzettelt sich in ratlosem Aktionismus

Opernwelt - Logo

Es ist ja nicht so, dass Kirill Petrenko die «Meistersinger» einfach schneller dirigieren würde als die allermeisten seiner Kollegen. Dass sie bei ihm in sich bewegter klingen, filigraner, schwungvoller, detailreicher, folgerichtiger, das hat viele Ursachen. Schon das Vorspiel gelingt als Meisterstück ausgewogener Proportionen. Das C-Dur-Eingangsthema wird meist zu langsam genommen, fällt gravitätisch oder gar pompös aus – schon ­Richard Wagner hatte sich darüber geärgert. Bei Petrenko hat das berühmt-berüchtigte Thema ­inneren Drive und klare rhythmische Kontur.

Die Achtelnoten federn elegant; die Viertel marschieren nicht zur Subdominante, sondern sie werden – in flottem Tempo – fast legato gespielt, als gebundenes Detail einer größeren Phrase. So kann sich Petrenko immer wieder ohne große Beschleunigungen oder Tempobremsen auf das Hauptzeitmaß beziehen. Die staccacto gestoßene Es-Dur Passage der Holzbläser beispielsweise kommt bei ihm keineswegs schneller als üblich, sie fügt sich aber organisch in eine großbogige Architektur.

Gewiss, auch bei Roger Norrington dauerte das «Meistersinger»-Vorspiel kaum zehn Minuten. Doch war es eben nur das Vorspiel. Kirill Petrenko und das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Sog der Finsternis

Wie kein anderer Komponist der Gegenwart hat sich Georg Friedrich Haas in seinem Schaffen einer am Übergang vom Licht zur Dunkelheit angesiedelten Musik verschrieben.  Dabei experimentiert er nicht nur mit der schattenhaften Abdunkelung der Klänge, sondern auch mit der Saalbeleuchtung. Bereits in dem groß angelegten Orchesterwerk «in vain» und in der Kammeroper...

Lucky gähnt

Lucky heißt der kleine gepunktete Hund. Sein Herrchen, ein grimmig blickender Kerl, versperrt den Weiterweg in den Eingeweiden des Gasteig-Kulturzentrums mit seinen Rohren und Tanks. Doch die Performance «Anticlock» geht weiter, später sogar per Bus in den Münchner Norden zu einer regennebelbesprühten, bemüht düsteren ­Installation, während der Fahrt allerdings nur...

Ein Hauch Westafrika

Diese Geschichte ist ein echtes Stück Charleston. Der Schiftsteller DuBose Heyward wurde in der Stadt geboren, er verbrachte sein Leben hier, und die Charaktere und Plätze seiner «Porgy»-Erzählung empfand er denen nach, die er auf der Straße, in Lokalen oder in den Kirchen sah. Der gebürtige New Yorker George Gershwin war mit Charleston immerhin besuchsweise...