Familienübel
Gut, wenn man Verwandtschaft hat! Engelbert Humperdinck wäre aus seiner Schaffenskrise vielleicht nie herausgekommen, hätte seine Schwester nicht Vertonungen ihrer Liedtexte benötigt: Ein Puppenspiel wollte sie einstudieren, «Hänsel und Gretel», nur für den Hausgebrauch. Humperdinck machte gleich eine abendfüllende Oper daraus, Schwager und Vater stiegen in die Textproduktion mit ein. Als «Familienübel» sei seine Märchenoper entstanden, schrieb der Komponist später im Scherz.
Am Theater Hof hat Hinrich Horstkotte diesen Aspekt der Entstehungsgeschichte nun aufgegriffen – und eine Neuinszenierung vorgelegt, die sich um die liebe Sippe dreht. Für die Handlungsebene wählt der Berliner einen familienanalytischen Ansatz: Realität und Traumwelt führt er zusammen, Mutter und Hexe sind mit derselben Sängerin besetzt. Indem die Kinder die Hexe überwinden, lösen sie sich zugleich vom mütterlichen Einfluss. Neu ist diese Idee nicht. Horstkotte fügt ihr aber Neues hinzu, indem er den Emanzipationsprozess zugleich schlüssig aus Humperdincks Biografie deutet. Denn auch der Komponist musste sich lösen – von Richard Wagner, dem er einst in Bayreuth assistiert hatte. Vom großen Vorbild lernte ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Eva Kröner
Als der Jazzpianist Keith Jarrett Ende der 1980er-Jahre Bach aufzunehmen begann, zeugte sein Spiel von einer Haltung unbedingter Reverenz. Wie einem heiligen Monument schien er sich dem «Wohltemperierten Klavier» oder den «Goldberg-Variationen» zu nähern. Mit der dem Augenblick abgerungenen Freiheit, die Jarrett in seinen Soloimprovisationen zelebrierte, hatte das...
Einst riet Richard Wagner dem nach Bayreuth gereisten Friedrich Nietzsche, er solle die Augen schließen und die Musik nur hören. Zu gern wäre man dieser Empfehlung bei der Hamburger Premiere von Rossinis «Guillaume Tell» gefolgt. Denn gegenüber der angestrengt um Gegenwartsbezüge bemühten szenischen Einrichtung von Roger Vontobel (seine erste Opernregie) und...
Für Susanne Elgeti streift Dieter Schnebel noch einmal den Talar über, richtet das geteilte Beffchen des reformierten Protestanten, hebt die Arme und spricht den Segen für eine imaginäre Gemeinde. Die Kirche ist leer, der Atem geht schwer. Vom «Friede Gottes» hören jetzt nur die Regisseurin und ihr Team. Gut so?, fragt der Blick des Pfarrers a. D. Der «Friede...
