Erschöpfung und Hochgefühl
Sportliche Höchstleistungen wie die Tour de France hat der Philosoph Peter Sloterdijk neulich im «FAZ»-Gespräch mit einem großen menschlichen Bedürfnis kurzgeschlossen: Menschen seien «in gewissem Ausmaß Hochgefühlssucher ... enorme Anstrengungen bringen diese paradoxe Einheit von Erschöpfung und Hochgefühl». Auf die Frage, was solche Einheit so besonders mache, antwortete Sloterdijk: «eine ekstatische Situation».
Somit scheint es, als besitze das existentielle Sportphänomen eine Ähnlichkeit mit bestimmten Kunstformen, etwa der Oper in ihrer Mixtur aller Genres, ja, als entstünden «Ekstasen» sozusagen in jeder künstlerisch existentiellen Lebens- und Produktionsweise, die ihre Grenzen vital austestet – eben zwischen Erschöpfung und Hochgefühl. In solchen Spannungsfeldern entfalten sich Monteverdis «Orfeo», Mozarts «Don Giovanni» oder Beethovens «Fidelio» ebenso wie Wagners «Tristan» oder Bergs «Wozzeck».
In der pandemischen Not 2020/21 entstand eine zuletzt fast gewaltsam ausgebrochene Begierde (sowohl der Künstlerinnen und Künstler als auch des Publikums) nach echter Kunstnähe, nach lebendiger «Gemeinschaft» mit den Kunstwerken im Hier und Jetzt – ohne digitalisierte Theater- und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 127
von Wolfgang Schreiber («Süddeutsche Zeitung», Berlin)
«Damit ein Ereignis Größe habe», schrieb Friedrich Nietzsche über Richard Wagner in Bayreuth, «muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.» Das Verblüffende an diesem Satz ist, dass er sich nicht nur auf die ersten Festspiele 1876 beziehen lässt. Sondern auch – und zwar ausgerechnet im...
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Es ist eine der ältesten Opernfragen: «prima la parole?» Oder doch «prima la musica?» Die musikhistorische Wertung scheint da eine einfache Antwort zu kennen: Der Text einer Oper ist immer getreuer Diener von Frau Musica. Doch schon die inhaltlichen Handlungsvorgaben eines Musiktheaters rühren eben nicht so einfach aus dem Klingenden selbst, es bedarf hier schon...
