Erbarmungslos albern

Dresden, Sächsische Staatsoper, Händel: Giulio Cesare in Egitto

Wie sich doch die Zeiten ändern. Am 20. Februar 1724, jenem Tag, an dem Händels Dramma per Musica «Giulio Cesare» im Londoner King’s Theatre seine Uraufführung erlebte, staunte die feine Gesellschaft nicht schlecht, als der Star-Kastrat Senesino in der Titelpartie über die Vergänglichkeit des Daseins auf Erden sinnierte. Nicht nur der Tonfall des Lamentos irritierte die Damen und Herren. Auch die Tonart, in die des Imperators großes Accompagnato-Rezitativ «Alma del gran Pompeo» im ersten Akt gehüllt war, wirkte auf sie geradezu gespenstisch fremd.

Heute, da unsere Ohren längst andere Tonartenkonzepte gewohnt sind, klingt dieses gis-Moll sehr vertraut. Und doch beschleicht den Hörer ein großes, allerdings völlig anders geartetes Unwohlsein, wenn er dieses Stück in der Dresdener Produktion des «Giulio Cesare» hört. Das liegt nur zum Teil daran, dass die an sich schöne Stimme der Mezzosopranistin Anke Vondung (nicht nur in diesem Rezitativ) merkwürdig ausdrucksarm bleibt. Beinahe in jedem Takt kann man das Befremden auch der anderen Musiker über das, was sie hier tun, spüren. Mag die Sächsische Staatskapelle als Strauss-, Wagner- und Henze-Orchester brillieren  –  als Händel-Orchester ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Jürgen Otten

Vergriffen
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