Empathie am toten Mann

Eine Requiem-Groteske auf die Schrecken des 20. Jahrhunderts: Alexander Raskatovs «GerMANIA» an der Opéra de Lyon

Opernwelt - Logo

Heiner Müller hielt es mit Mephisto: «Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin.» Fausts Vorwurf, bekannte der Chefdramatiker des deutschen 20. Jahrhunderts kurz nach dem Ende der DDR, beschreibe «eine Haltung, von der ich mich nicht freisprechen kann. Die ist gewachsen in den zwei Diktaturen, die ich erlebt habe.» Seine «Rüstung» gegen die auf Leichenbergen errichtete nazistische und kommunistische Gewaltherrschaft: «Man entwickelt einen Zynismus gegenüber der menschlichen Existenz.

» Es sind Schlüsselsätze für das Verständnis eines lakonisch-zersprengten, bitter-komischen, fragmentarischen Collage-Theaters, das Geschichte als Groteske und Sprache als Musik ohne Moral imaginiert. Es liefert gleichsam den chirurgisch-paradoxen, mit historischer oder persönlicher Erfahrung nur mehr als Material jonglierenden Bühnensound zu den Fanalen eines blutunterlaufenen utopischen Denkens.

Utopien, die Ungeheuer hervorbringen, sind auch dem Komponisten Alexander Raskatov vertraut. 1953 an dem Tag in Moskau geboren, als Stalin zu Grabe getragen wurde, bekam er noch selbst die Nachbeben jener sozialtechnischen Ideologie zu spüren, die auf die Erschaffung des neuen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Prekär

Aki Kaurismäkis Kultfilm «Das Leben der Bohème» hat offenbar einen Paradigmenwechsel in der Opernregie eingeleitet. Heute wird Puccinis Adaption des Romans von  Henri Murger jedenfalls vorwiegend in modernen Kostümen gespielt. Sängerische Schwergewichte wie Luciano Pavarotti und Montserrat Caballé in historischem Outfit würden wohl kaum noch Furore machen....

Ausweglos

Der Vorhang fließt zur Seite, und was hören wir? Musik jedenfalls nicht. Nur ein hässliches, elektronisch verstärktes Schaben, verursacht von einem Greis, der im schwarzen Lederanzug an gedeckter Miniaturtafel sitzt und mit höchster Mühe seinen Stuhl zurechtrückt. Verwundern darf diese Quälerei nicht, schließlich ist Hieronymus Makropulos biblische 375 Jahre alt....

Lust am Untergang

Der Schlussgag hätte besser nicht klappen können. Fröhlicher Applaus im erschreckend spärlich besuchten Theater Basel. Karl-Heinz Brandt, eben noch ein engagierter Auktionator, stolpert beim Schritt zurück, strauchelt und stürzt. In diesen Augenblicken passiert etwas Faszinierendes: Man kann spüren, wie das gewissermaßen kollektive «Hoppla» einer unschönen Angst...