Emotionskino
Die Zauberin ist sauer. Sieht sich verhöhnt. Von der Welt, von den Menschen. Zutiefst gekränkt sind Herz und Verstand, ach was, das ganze Ich. Und exakt so klingt Alcina, wenn sie anhebt zu ihrer Arie «Ah, mio cor, schernito sei!» – von Qualen durchglüht.
Sonya Yoncheva nutzt die sich bietende Gelegenheit von Beginn an: Inbrünstig seufzend, mäandert sie, angetrieben von der unerbittlich insistierenden Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi, durch die Kanäle ihrer verwundeten Seele, hält inne dort, wo der Weltschmerz wohnt, entblößt ihr Innerstes mit sämtlichen vokalen Finessen, die ihr Sopran bereithält, um schließlich auf dem zentralen Wort «Perché?» in solch gargantueske Traurigkeit auszubrechen, dass sogar die Violinen im Nachspiel schluchzen müssen.
Das ist großes Emotionskino, wie gleichfalls in Almirenas «Lascia ch’ io pianga» und Agrippinas «Pensieri, voi mi tormentate». Dem wirft sich, im raschen Mittelteil, die andere Alcina entgegen, schließlich ist sie, wenngleich leidend, doch eine Königin. Auch diesen würdevollen Furor nimmt man Sonya Yoncheva ab – einmal, weil ihre Stimme in der Mittellage perfekt sitzt und sich von dort so resolut wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Herr Visser, gab es ein Erlebnis, das Sie für die Oper entflammen ließ?
Ich stand zwar früh während der Schulzeit in Theaterstücken auf der Bühne, aber ich erinnere mich, wie ich zufällig im Fernsehen eine Übertragung von Wagners «Ring» sah, die Amsterdamer Produktion von Pierre Audi. Während mein Vater Fußball guckte, sah ich fasziniert die «Walküre», eine...
Man kann sie kaum noch zählen, die kompletten Aufführungen von Wagners «Ring des Nibelungen», die in den letzten Jahren als Mitschnitte auf CD oder DVD erschienen sind. Wien, Hamburg, Frankfurt, Weimar, Lübeck, Kopenhagen, Amsterdam, Seattle usw. Und jetzt also auch noch Hongkong. Dort hat man vor zwei Jahren einen konzertanten Zyklus gestartet, der nun bis...
Hübsch hier. Die verwinkelte Innenstadt, der langgestreckte Marktplatz, eingerahmt von sanierten Altbauten. Im Rathaus aus dem 16. Jahrhundert der obligatorische Ratskeller. An diesem Adventssonntag sind im ostthüringischen Altenburg einige Buden geöffnet, es riecht nach Bratwurst, aus den Lautsprechern dringt, etwas zu laut, nicht ganz so weihnachtliche...
