Einzelkindschicksal
Szenen aus dem Krankenhaus – hat uns damit die «Tagesschau» nicht schon genug angeödet? Lässt sich die Aktualität eines Sujets wirklich belegen, indem man Weißkittel und Patientenbetten auf die Bühne bringt? Es erschließt sich einem nicht, weshalb nun auch die Königstochter Iolanta in eine solche Anstalt gesperrt werden muss. Vielleicht ist es Kritik an der Überversorgung von Privatpatienten; jedenfalls wird das Mädchen stationär erstklassig betreut, will doch ihr Vater, König René, vor der Welt und ihr selbst geheimhalten, dass sie blind ist.
Im Original dient ein paradiesischer Schlossgarten als ihr kommodes Gefängnis. Der ist, umgeben von Eisengittern und ausgestattet mit hypertroph blühenden Rosen, auch in Dessau zu sehen. Von märchenhafter Phantastik keine Spur, tendiert die Ausstattung – wie üblich bei solchen Vorlagen – auch hier in Richtung Kindergarten. Dass dadurch die musikalische Aussage banalisiert wird, scheint niemanden ernsthaft zu kümmern. Selbst wenn ein Darsteller der Lächerlichkeit preisgegeben wird wie Graf Vaudémont in seinem orangefarbenen Astronautenanzug – was soll’s, Hampelmänner sind doch immer lustig anzusehen. Glücklicher handhabt die Regie ein anderes ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Volker Tarnow
Wie das Wetter war? Vermutlich eisig. Vielleicht blinzelte an diesem 3. November 1843 in Sankt Petersburg hier und da mal die Sonne durch die grauen Ritzen, die Temperaturen dürften aber eher unter null Grad gelegen haben. Zumindest draußen. Drinnen jedoch, im Bolschoi Theater, glühte es, und das nicht nur der bullernden Heizung wegen. Nein, es war jene Dame, die...
Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch...
Ein Mensch, allein wie weiland Ariadne auf Naxos, fremd geworden unter Menschen, nach Heimat suchend unter Tieren und Pflanzen. Vermag ihm die Natur zu antworten oder nicht? Für diese zwiespältige Erfahrung halten viele musikalische Werke eine starke Übersetzung bereit: den Dialog zwischen der menschlichen Stimme und einem Instrument, das, ebenso wie die Natur,...
