Ein Jung-Siegfried nach Maß
Auch wenn es gegenüber dem Produktionsteam und allen anderen Mitwirkenden ungerecht ist, der neue «Siegfried» an der ENO (English National Opera) ist vor allem wegen des Protagonisten bemerkenswert: Richard Berkeley-Steele bewältigt die Monsterpartie nicht nur stimmlich eindrucksvoll, sondern er bietet dem Publikum das äußerst seltene Ereignis, in Körpersprache, Gestik und Mimik einen Jung-Siegfried agieren zu sehen, der diesen Namen verdient. Dieser darstellerisch außergewöhnlich begabte Sänger bewegt sich auf den Sekundenbruchteil genau wie ein Jugendlicher.
Keine seiner Gesten, kein Gang, kein Schritt wirkt einstudiert oder gar opernhaft, alles erscheint natürlich und authentisch – eine Mischung aus Tenniscrack Lleyton Hewitt und Rapper Eminem.
Relativ häufig weiß dieser Baseballkappen-Siegfried nicht, wohin mit seiner Kraft und mit seinen Gefühlen. Und manchmal versteht er nicht, was und wie ihm geschieht. Die sonst detailgenau arbeitende Regisseurin Phillyda Lloyd und ihr Ausstatter Richard Hudson ersparen ihm aus guten Gründen, handwerklich korrekt das Schwert zu schmieden. In einer effektvoll beleuchteten Wellblechwerkstatt neben der tristen Einzimmerwohnung von Mime (ein ...
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Herr Chailly, im September 2005 treten Sie Ihr Amt als Generalmusikdirektor der Leipziger Oper und Gewandhauskapellmeister an. Leipzig zählt, trotz der unbestrittenen Qualitäten des Orchesters, nicht wirklich zu den führenden Musikmetropolen. Worin besteht für Sie der Reiz?
Leipzig ist nicht irgendeine Stadt, sondern ein Ort mit einer ganz außergewöhnlichen...
Die Unterzeile, die bei der jüngsten Mannheimer Opernproduktion dem Originaltitel «Fidelio» beigegeben war, ließ aufhorchen. Sie lautete: «Beethoven op. 72 (1814) bei der NBC New York (1944) Toscanini Reminiszenz 2004». Ein klar verklausuliertes Signal, dass hier keine herkömmliche Auseinandersetzung mit einer klassischen Vorlage geplant war.
Bei seiner ersten...
Die Legende vom Kreuzritter Ernst von Gleichen, der aus siebenjähriger Kriegsgefangenschaft eine orientalische Prinzessin in die thüringische Heimat mitbrachte und daselbst mit Einwilligung seiner ersten Frau sowie des Papstes eine angeblich harmonische Ehe zu dritt geführt haben soll, beschäftigt die Literatur seit Jahrhunderten. Goethe zitiert sie in der...
