Ein großer Abend
Das «erste richtige Liebesduett der Operngeschichte» nennt Ulrich Schreiber den betörenden Schlussgesang in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Und ja, in diesem Duett ereignet sich Ungeheures; auf dem Fundament eines ostinaten, abschreitenden Lamentos besingt das Liebespaar in hehrer melodischer Schönheit sein Glück. Liebespaar? Genau daran hegt Evgeny Titov in seiner Neuinszenierung an der elsässischen Opéra national du Rhin – einer Gemeinschaftsproduktion mit der Oper Graz – seine Zweifel. Die musikalische Faktur gibt ihm in ihrem Auseinanderdriften recht.
Und so bewegen sich auch Poppea und Nerone zusehends voneinander weg. Er bleibt unten, sie, im weißen Hochzeitskleid (Kostüme: Emma Ryott), steigt die Treppe empor, die das zylinderartige Gebäude auf der Drehbühne umgibt. Die Symbole lassen keinen Zweifel zu: Poppeas Hände sind blutrot, und den Weg flankieren all jene Leichen, über die das Paar gegangen ist ...
Es gibt keine Liebe in diesem Stück, auch nicht bei Amor, der seinen Sieg im Prolog verkündet (ideal im Zusammenklang: die drei Göttinnen des Schicksals, der Tugend und der Liebe, Rachel Redmond, Julie Roset und Marielou Jacquard). In der sich um die eigene Achse ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Alexander Dick
In seiner dem Libretto zugrunde liegenden Schauspielversion des antiken Stoffs hat Hugo von Hofmannsthal die Gestalt der Sophokleischen Elektra in eine moderne, vom Geist der nervösen Unrast des Fin de Siècle geprägte Figur verwandelt. Das Nietzsche und Freud zusammenzwingende Psychodrama zeigt sie als traumatisierte, von einem einzigen Wunsch besessene Frau: den...
Allein die fehlerhafte Übersetzung zeigt, wie fern uns die Figur ist. Gottesnarr, Jurodstwo, damit ist eigentlich der «Narr in Christo» gemeint, eine irdische Figur – mit mutmaßlich heißem Draht nach oben. Heiliger, verehrter und gefürchteter Außenseiter, Wahrheitskünder, verspotteter Gaukler – alles fällt in dieser Figur zusammen, bei Puschkin, auch bei...
Braunschweig war einstmals eine musikalisch äußerst bedeutende Stadt. Ende des 17. Jahrhunderts hatte der kunstsinnige Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Anton Ulrich (1633–1714) das Opernhaus am Hagenmarkt eröffnen lassen – und bald trieben sich illustre Persönlichkeiten wie der Hofdichter und Librettist Friedrich Christian Bressand (ca. 1670– 1699) sowie der vor...
