Doppelt gesehen
Der vielleicht bewegendste Moment ereignet sich fast nebenbei gleich am Anfang, noch bevor das komplizierte, etwas ermüdend hin- und herwogende Geschehen um Macht, Liebe, Krieg und Freundschaft im präkolumbianischen Peru und Mexiko abrollt, noch vor den Staats- und Privataktionen um den Kriegshelden Montezuma und die Inkatochter Orazia (die er begehrt) und die (falsche) Indian Queen Zempoalla (die ihn begehrt).
Für den Prolog zu John Drydens heroischem Trauerspiel hat Purcell diese kleine Szene unter kleinen Menschen komponiert: Ein Junge weckt seine Freundin aus sanftem Schlummer unter Platanen, weil Kriegstrompeten schallen und ihr Land überfallen werden wird: «By ancient prophecies we have been told / Our land shall be subdu’d by one more old ...»
Samuel Boden singt das anrührend einfach und kunstvoll zugleich. Ohnehin wird durchweg gut gesungen, aber ohne alles Glänzen-Wollen, die Solistinnen und Solisten treten nach ihren Nummern wieder in den feinen Chor von Emmanuelle Haïms Astrée-Ensemble zurück. Sie spielen nicht große Oper, denn Purcells Opus ultimum, unvollendet dazu, ist ja auch keine, sondern eine seiner fünf Semi-Operas, die den englischen Sonderweg des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
Das «erste richtige Liebesduett der Operngeschichte» nennt Ulrich Schreiber den betörenden Schlussgesang in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Und ja, in diesem Duett ereignet sich Ungeheures; auf dem Fundament eines ostinaten, abschreitenden Lamentos besingt das Liebespaar in hehrer melodischer Schönheit sein Glück. Liebespaar? Genau daran hegt Evgeny Titov...
In dämmrigen Grüften wohnt kein Dur. Schicksalhaft verdüstert ist dort das Dasein, von Trübsal dominiert. Und so verwundert es wenig, dass Richard Strauss für den Beginn des Orchesterlieds «Frühling» die Tonarten c-Moll und as-Moll wählt. Zwischen diesen beiden Traurigkeiten zwängt sich das Alter Ego des Komponisten in der Vertonung von Hermann Hesses Gedicht...
Zunächst seh’n wir den Aufstieg einer schönen Frau,
Die liebt – und selbst umgarnt wird, von Diversen.
Kein Stück Musik für eine Landesgartenschau,
Regietheaterliebling der Perversen.
Auf einen Ton, da folgen stets elf weitere,
Fast wie im Fall der Männer: Mann für Mann.
Ein Maler stirbt (es gibt halt auch Gescheitere),
Man bumst mit voller Wucht auf’s Gamelan.
n...
