Die große Simulation

Wie der ORF Lieblinge der Wiener Staatsoper für das Publikum an den Homescreens inszeniert

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Natürlich hat Goethes Theaterdirektor recht: «Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen. Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.» In diesen unerfreulichen Zeiten hätte man freilich auch Lust, der Hochsprache des Dichterfürsten den phonetischen Kiezjargon Bora Dagtekins entgegenzusetzen: «Fack ju Göhte.» Denn online vermittelte Konserven beispielsweise vermögen ultimative Zufriedenheit nicht zu erregen; das unmittelbare Feedback fehlt einfach.

Selbst live wirkt ein Konzert im TV letztlich doch wie ein gemaltes Dinner – speziell mit Künstlern in Sicherheitsdistanz und vor leeren Reihen.

 

Zugleich ist bitter nötig, aus dieser schlimmen Lähmung, von der keiner weiß, wie lange sie dauern wird, rauszukommen. Auch wenn solche Versuche nur in Maßen begeistern, eher geisterhaft erscheinen. Wie etwa dieses Live-Event «Spielen für Österreich» der Wiener Staatsoper und des Österreichischen Fernsehens aus dem zuschauerlosen Radiokulturhaus Wien. Wirklich befriedigt dürfte nach dieser Veranstaltung allenfalls Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF, gewesen sein, der auf 210 000 Zuschauer verweisen ...

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Opernwelt Juli 2020
Rubrik: Zwischenruf, Seite 57
von Gerhard Persché

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