Die Frau vom Meer
Draußen, vor der Tür, die Kälte. Eisige Winde, Regenfäden, grauschwerer Himmel. Drinnen, im Ballettprobensaal, das Gleiche, nur in anderen Farben, Formen, Figuren. Eine Stiefmutter, deren Seele so schwarz ist wie ihr Kleid, zwei Stiefschwestern in blaustrümpfiger Blödheit, mit geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf und Gemeinheiten im Gehirn. In ihrer Mitte die Verletzte, gefangen im steril-stählernen Gehäuse, gedemütigt, Bein und Herz gebrochen. Doch kaum erhebt das Mädchen mit dem märchenhaften Namen Lucette seine Stimme, strömt Wärme durchs gesamte Haus.
Und eine Hoffnung, wie sie anmutiger, würdevoller kaum klingen kann.
Es ist «nur» eine Repertoirevorstellung in der Komischen Oper Berlin, an einem Sonntagnachmittag. Die Premiere liegt mehr als zwei Jahre zurück, die üblichen Schlendriane schleichen durch die Lamellen und den Graben. Aber für die Hauptdarstellerin gilt das nicht. Sie gibt sich hin. Schüttet Lyrismen und Lava in den Raum. Ist auf den Punkt fit, fokussiert, zudem in fabelhafter vokaler Verfassung. Wichtiger aber: Für Nadja Mchantaf macht das keinen Unterschied, ob es ein erster Abend ist, ein siebter oder ein – wie im vorliegenden Fall – geschätzt zweiundzwanzigster. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Jürgen Otten
Eine ähnlich radikale Umdeutung von Mozarts «Idomeneo», wie Peter Konwitschny sie jetzt in Heidelberg herausgebracht hat, war wohl noch nie zu sehen. Wenn am Ende des zweiten Akts das vom Meeressturm entsetzte Volk den Namen des Schuldigen fordert, entert der verzweifelte Titelheld, wie in einem Amoklauf den Gott Neptun verfluchend, das im Hintergrund auf der...
Ein «begnadeter Zauderer» sei er, ein «Moralist der Kunst», ein «Grübler und Skeptiker, der alles, was er singt, hinterfragt – auch und vor allem sich selbst und seinen Gesang». Mit diesen Worten hat der Germanist Dieter Borchmeyer vor neun Jahren in einer Laudatio die Persönlichkeit Christian Gerhahers umrissen (siehe OW-Jahrbuch 2010). In der Tat: Es gibt...
Karl Kraus’ hintersinnige Pointierung des Wortes «Familienbande» trifft auch auf Antonio Vivaldis Oper «La verità in cimento» zu, die jetzt den 13. «Winter in Schwetzingen» eröffnete. Sieben Jahre hatte der Heidelberger Operndirektor Heribert Germeshausen im Rokokotheater in einem spannenden Gang durch die Geschichte die Entwicklung der neapolitanischen Seria...
