Die doppelte Bartoli

Händels Semele, Glucks taurische Iphigénie – die Chefin der Salzburger Pfingstfestspiele erobert sich zu den Koloraturen die Bitterstoffe

Opernwelt - Logo

Ein wenig ungalant ist es schon, aber sie provoziert eine solche Teilung der Karriere ja selbst – in eine «alte» Cecilia Bartoli und in eine «neue». Und das Beste ist: Beide begegnen einem innerhalb von nur 24 Stunden auch noch am selben Ort, in Salzburgs Haus für Mozart. Die frühere, der Koloraturenspringball, die Sängerin, die irrsinnigen Spaß am Zierrat hat, an der Jonglage mit Noten und Dynamikwerten, am Charmieren mit Kollegen, Dirigent und Parkett, die ist bei Händel aktiv. In einer konzertanten «Semele», die weitgehend identisch ist mit der Zürcher Besetzung von 2009.

Charles Workman als Jupiter ist wieder dabei, dessen Stimme zum Heldischen drängt, aber nichts von ihrer Geläufigkeit eingebüßt hat. Und Birgit Remmert, die ihre Juno so herrlich aufplustern kann, dass die Blitze des Gatten dagegen wie müdes Funkeln wirken.

Aber entscheidender ist ja die andere Bartoli, die sich hier, am Schauplatz ihrer eigenen Pfingstfestspiele, entwickelt. Mit Bellinis «Norma» hat das vor zwei Jahren angefangen. Und jetzt, mit Glucks «Iphigénie en Tauride», hat sie eine weitere Tür aufgestoßen: So schonungslos, so ungeschminkt, so herb war die Römerin nie. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Sperriges Meisterwerk

Kaum zu fassen, dass das Publikum der Pariser Opéra Bastille ganze 112 Jahre auf Ernest Chaussons Meisterwerk «Le Roi Arthus» warten musste! Die Oper wurde 1903 am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel uraufgeführt, kam also ein Jahr nach Debussys «Pelléas et Mélisande» heraus – und vier Jahre, nachdem der Komponist mit seinem Fahrrad verunglückt war. Chaussons...

Der Star sitzt im Graben

Ist’s nun eine Hommage an das realistische Musiktheater? Oder doch eher Bühnensymbolismus? Oder wird hier Büchners und Bergs harter Sozialrealismus mehr oder weniger mutwillig gegen den Strich gebürstet? Um es gleich zu sagen: Der «Wozzeck» an der Opéra de Dijon ist ein großer, ein großartiger Abend geworden. Weil die Regisseurin Sandrine Anglade, bekannt für ihre...

Zeitloser Abgesang

Ein Theaterkönig stirbt. Und mit ihm die Kunst des Hörens, das mehr ist als das Horchen. Vom Lauschangriff ist allerdings nicht die Rede, schließlich ist Luciano Berios Musiktheater «Un re in ascolto» gute 30 Jahre alt. In Kassel erweist er sich als erstaunlich lebendig. Das liegt vielleicht daran, dass diese azione musicale in due parti bei ihrer Uraufführung 1984...