Des Rätsels Ende
Was hat man nicht alles versucht für den Schluss von Puccinis letzter, unvollendeter Oper, in berechtigter Unzufriedenheit über das ruppig kurze Schlussduett von Franco Alfano? Ihn neu komponieren zu lassen von Luciano Berio, dessen stilistische Gratwanderung (2002) auch nicht recht befriedigen wollte; ihn, was in jüngerer Zeit häufiger probiert wurde, ganz wegzulassen, so dass «Turandot» buchstäblich kein Ende findet – und die titelgebende chinesische Prinzessin keinen Frieden mit dem um sie werbenden Tatarenprinzen Calaf.
Dabei liegt die (Standard-)Lösung bereits auf der Hand: einfach die Langversion zu spielen, die Franco Alfano komponierte (bevor er sie auf Befehl des Verlags Ricordi zusammenstrich und der selbstherrliche Arturo Toscanini sie vor der Uraufführung noch weiter verstümmelte). Sie bietet nicht nur den vollständigen, psychologisch schlüssigen Librettotext von Giuseppe Adami und Renato Simoni, sondern gibt Turandot und Calaf, was beide in dieser Situation am dringendsten brauchen: Zeit. Zeit, füreinander durchschaubar zu werden, einander zu erkennen, und das durchaus mit biblischem Nebensinn. Nichts aber bleibt hier von jenem rüden Machismo, mit dem er ihren ...
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Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Im Fokus, Seite 6
von Michael Stallknecht
Schnee liegt im Winter auf den Bergen rund um Erl, Schnee liegt auch auf der Bühne der Tiroler Festspiele, inmitten von allerlei brüchigem Mobiliar. Die kosmische Ordnung ist zertrümmert, der Frühling kehrt nicht wieder – so erzählt es Nikolai Rimski-Korsakow in «Snegurotschka», seit Mutter Frühling und Väterchen Frost miteinander das titelgebende «Schneeflöckchen»...
Eine Königin kehrt zurück. Doch nicht im Triumphmarsch betritt sie an diesem 19. August 1561 im schottischen Leith heimatliche Gestade. Sie kommt, begleitet von fürstlichen Frauen, frierenden Fräuleins und ernstgestimmten Edelmännern, als Witwe eines gut neun Monate zuvor verstorbenen Königs, der im Grunde nie zum König taugte. Ein Knabe von schwächlicher...
Zwei Frauen sitzen nebeneinander. Um sie herum stapeln sich Briefe, Fotografien, alte Unterlagen und Dinge, die einmal Bedeutung gehabt haben. Die beiden Frauen suchen nach den Spuren eines Bewusstseins, das im Begriff ist, sich aufzulösen. Es sind Ellen und ihre erwachsene Tochter Ilse. Ellen hat Alzheimer. Die Sache wird noch komplizierter, als Ellen sich in den...
