Der Liebe Nahrung
«Di Lete all’altra sponda, ombra compagna anch’io voglio venir con te», sehnt sich Andromeda am Leichnam des Perseus. Es ist die unauslöschliche Hoffnung eines Menschen, dem das Liebste genommen wurde: dass der Abschied nicht endgültig sei, dass es vielmehr gestattet werde, den Heimgegangenen als Schatten zum anderen Ufer der Lethe zu begleiten. Lisette Oropesa hat diesen «begleitenden Schatten» als Titel und Motto ihres exzellenten Debütalbums bei Pentatone gewählt.
Und Mozarts Konzertarie «Ah, lo previdi» KV 272, aus der die zitierte Zeile stammt, wird zur emotionalen Spindel des Recitals.
Mozart schuf «Ah, lo previdi» («Ich habe es vorhergesehen», oder schlicht «Ich hab’s gewusst») 1777 für Josepha Duschek, doch widmete er diese «Scene» eigentlich der angeschwärmten Aloysia Weber. Ihr riet er im Brief: «Am dringendsten lege ich Ihnen die Expression ans Herz, denken Sie gut über den Sinn und die Macht der Worte nach» – ein Ratschlag, der auch bei Lisette Oropesa auf fruchtbaren Boden fällt: Die, wie sie es im Booklet formuliert, «sublimste Musik, die diese Reise zwischen Leben und Tod begleitet», verwirklicht sie durch zarteste, wunderbar innige Zwischentöne im Wechsel mit ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 54
von Gerhard Persché
«Allons gay gayment», «Auf geht's fröhlich», beginnt die Sängerrunde mit einer Chanson von Claude Le Jeune. Und klar: Wir folgen auch diesmal gern, wenn William Christie mit seinen Les Arts Florissants in der nun schon dritten CD die Kunst der Airs de cour erkundet, die als höfische Liedform Frankreich von der zweiten Hälfte des 16. bis zur Mitte des 17....
Es gibt Künstler, deren Ästhetik wie Œuvre relativ homogen, wenn nicht gar monolithisch wirken: Bei aller Entwicklung, auch Variabilität, wirken sie quasi einschichtig, kaum durch Brüche, Widersprüche gefährdet. Was hohe Komplexität keineswegs ausschließt. Komponisten wie Mussorgsky, Bruckner, Webern, Varèse eindimensional zu nennen, käme einem schwerlich in den...
Vor 75 Jahren, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ließen im Sommer einige Kulturhungrige am Bodensee nahe dem Ufer in Ermangelung einer intakten Spielstätte zwei Kieskähne zusammenspannen: Auf dem einen saß das Orchester, auf dem anderen agierten Sänger und Tänzer, gegeben wurden Wolfgang Amadé Mozarts Schäferspiel «Bastien und Bastienne» sowie als Ballett...
