Der König ist nackt
«I am the king», sagt der König. Und noch einmal. Und während er das sagt, lässt er vor dem gesamten Hofstaat schwungvoll seine Hosen auf die Knöchel gleiten – Staatsaffären zur Morgentoilette. Das Publikum kichert. Aber den melancholisch verweilenden Sekundreibungen ist anzuhören: Mit einem König, der sich seines Königseins derart nachdrücklich versichern muss, wird es ein böses Ende nehmen. Irgendwann. Wahrscheinlich bald.
Die schwebenden Dissonanzen kennen wir schon aus «Written on Skin».
Doch die Sorge, George Benjamin könne einfach die Textur seines Mittelalter-Erfolgsstücks neu aufgelegt haben, verflüchtigt sich sofort. Seine neue Oper «Lessons in Love and Violence» bricht attacca los, hält sich mit einem Vorspiel nicht groß auf. Später sorgen zwischen den einzelnen Szenen ausgedehnte instrumentale Intermezzi für tiefe Schnitte, große Sprünge. Am Schluss des ersten Teils pocht das Schlagzeug leise auf Sekunden. Tick, tick, tick: Zeit verstreicht, sie rast, darauf ist die Struktur des Werks ausgelegt.
Das nun an Covent Garden uraufgeführte Stück dreht sich um Edward II. von England (1284-1327), Ausgangspunkt ist Christopher Marlowes Schauspiel von 1593. Erst letztes Jahr ...
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Über die gleißende Marmorfläche vor dem Königlichen Opernhaus Maskat zieht eine Poliermaschine träge Kreise; in der Mall, die dem Theater einen Teil seines Budgets generiert, langweilen sich die Verkäufer. Trüb dümpelt die Sonne im Dunst aus Meeresdampf und Wüstenstaub. Wer seine Sinne beisammen hat, beschränkt tagsüber seine Wege auf Arbeit und Moschee.
Am...
In letzter Zeit bin ich richtig gut drauf. So gut, dass sich meine Familie und Freunde schon ein bisschen wundern. Wahrscheinlich hatten sie damit gerechnet, dass mein Sechzigster mich vollends zum Griesgram machen würde. Aber ich habe sie angenehm überrascht. Doch am Alter liegt’s nicht. Meine Fröhlichkeit rührt daher, dass ich auf Tournee bin.
Nun ist das...
Der Schlussgag hätte besser nicht klappen können. Fröhlicher Applaus im erschreckend spärlich besuchten Theater Basel. Karl-Heinz Brandt, eben noch ein engagierter Auktionator, stolpert beim Schritt zurück, strauchelt und stürzt. In diesen Augenblicken passiert etwas Faszinierendes: Man kann spüren, wie das gewissermaßen kollektive «Hoppla» einer unschönen Angst...
