Denke weiter nach!
In sein «Wintermärchen» vom Silbersee ließ Georg Kaiser, viel gespielter Dramatiker dieser Jahre, einige Wirklichkeit eingehen. Junge Arbeitslose, denen keine Parolen mehr gegen den Hunger helfen, plündern einen Lebensmittelladen, in dem Lebensmittel weggeworfen werden, um die Preise hochzuhalten. Auf der Flucht wird der Anführer Severin angeschossen. Den Polizisten Olim plagt danach sein Gewissen.
Hätte er nur Geld, er wolle wiedergutmachen! Da macht ihn ein Lotteriegewinn schlagartig zum Schlossbesitzer, er pflegt sein Opfer inkognito, bis die Sache auffliegt und wegen Blödheit das Schloss wieder futsch ist, und dann stehen Olim und Severin erneut vor dem Nichts. Das Wintermärchenhafte ist nun, dass der Silbersee, in dem sie sich ertränken würden, zufriert, obwohl gar kein Winter ist. Wer weiter muss, den trägt der Silbersee, heißt es, und Weill schrieb, vier Jahre nach der «Dreigroschenoper», ein allerschönstes Märchenmusikfinale dazu, nach allerhand Spitzigem und Witzigem, Agit-Songs, Chorälen, Trauermärschen, Totentanz und Tango.
Schon zwei Wochen nach der Uraufführung im Februar 1933 war der hoffnungsfrohe Schluss eingeholt von der Wirklichkeit und der «Silbersee», der das ...
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Opernwelt November 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Holger Noltze
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