Das Rätsel Frau
Von allen angestarrten Frauen ist Lulu vermutlich die (um einen in dieser Art modisch geläufigen, wenngleich sprachlich unkorrekten Superlativ zu verwenden) «angestarrteste». Man starrt ja selbsthin. Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer war in einer Wedekind-Sprechtheater-Aufführung in Frankfurt am Main vor 13 Jahren über eine nicht unbeträchtliche Strecke des Abends nackt.
Obwohl ihr das Kunststück gelang, ironischerweise trotzdem oder sogar gerade deshalb eine restlos «unfatale» Lulu zu sein, handelte es sich natürlich dennoch um eine Bloßstellung sondergleichen. Lulu trägt viele Namen, die sie sich nicht selbst aussucht, sie hat einen Körper, den alle Welt begehrt, sie wird da nicht heil rauskommen. Dennoch müssen gängige Begriffe – Opfer, Täterin, Femme fatale, Kindfrau – idealerweise an ihr zerschellen.
Spätestens wenn Mädchen anfangen, Klassiker für Erwachsene zu lesen, gewöhnen sie sich daran, Frauen aus männlicher Perspektive kennenzulernen. Das erweitert den Horizont, solange man nicht vergisst, wer da blickt und spricht. Im männerdominierten Musiktheater potenziert sich das noch einmal: ein Allgemeinplatz, der aber wieder Wucht bekommt, wenn es um Lulu geht. Von ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 18
von Judith von Sternburg
Allein die fehlerhafte Übersetzung zeigt, wie fern uns die Figur ist. Gottesnarr, Jurodstwo, damit ist eigentlich der «Narr in Christo» gemeint, eine irdische Figur – mit mutmaßlich heißem Draht nach oben. Heiliger, verehrter und gefürchteter Außenseiter, Wahrheitskünder, verspotteter Gaukler – alles fällt in dieser Figur zusammen, bei Puschkin, auch bei...
Zunächst seh’n wir den Aufstieg einer schönen Frau,
Die liebt – und selbst umgarnt wird, von Diversen.
Kein Stück Musik für eine Landesgartenschau,
Regietheaterliebling der Perversen.
Auf einen Ton, da folgen stets elf weitere,
Fast wie im Fall der Männer: Mann für Mann.
Ein Maler stirbt (es gibt halt auch Gescheitere),
Man bumst mit voller Wucht auf’s Gamelan.
n...
Das «erste richtige Liebesduett der Operngeschichte» nennt Ulrich Schreiber den betörenden Schlussgesang in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Und ja, in diesem Duett ereignet sich Ungeheures; auf dem Fundament eines ostinaten, abschreitenden Lamentos besingt das Liebespaar in hehrer melodischer Schönheit sein Glück. Liebespaar? Genau daran hegt Evgeny Titov...
