Das kleine Glück, so fern, so nah
Der Weltgeist thront zu Pferde. Nun ja, nicht ganz, denn das arme Tier entpuppt sich bei genauerem Hinsehen erstens als Maulesel und hat zweitens nur zwei Beine (sie gehören einem bärenstarken Statisten, der sich unter dem Leinenfell verbirgt); auch der General ist nur eine blondgescheitelte Kopie Napoleons ohne dessen majestätische Kopfbedeckung. Aber das macht nichts, schließlich ist, zumindest an diesem Abend, Karneval in Florenz – somit allen (fast) alles erlaubt und dem Erfindungsreichtum jedweder Couleur keine Grenze gesetzt.
Für eine Kostümbildnerin ein nachgerade paradiesischer Zustand. Silke Willrett nutzt die sich ihr bietende Chance und schenkt den leicht derangierten Mitgliedern des Buoso-Clans an der Wiener Staatsoper die schönsten (Schein-)Identitäten. Gherardo beispielsweise, Buosos bigotter Neffe (Andrea Giovanni), gibt den erwartbaren devoten Pfaffen, seine hübsche, aber recht neurotische Gattin Nella die ebenso erwartbare, aber so gar nicht heilige, sondern eher zu häuslicher Gewalt neigende Jungfrau Maria. Zita, Cousine des Verstorbenen, der sich vor Beginn des Stücks (vermutlich) zu Tode gesoffen hat, während er Zeitung lesend am Küchentisch hockte und ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Die Freundschaft von David und Jonathan, dem Sohn König Sauls, besitzt nicht erst in Charpentiers biblischer Oper aus dem Jahr 1688, sondern schon im Alten Testament einen erotischen Unterton. Der Regisseur Marshall Pynkoski beließ es im November 2022 in der Chapelle Royale von Versailles nicht bei der Andeutung, sondern zeigte das Coming-out der Männerliebe in...
Was ist sie doch für ein elegantes Räderwerk, diese Olympia, ein Spielzeug, das selbst spielen will. Mit seinen langen Fangarmen greift es nach dem Künstler und schwingt ihn rund um die eigene Achse. Es beglückt ihn wie die Blumen, die Vögel, die Herzen, die aus den Brüsten und aus tiefer gelegenen Körperregionen schießen im zweiten Akt von «Les contes d’Hoffmann»...
Einer der besterhaltenen Theaterbauten des 18. Jahrhunderts, prachtverliebt und doch geschmackvoll, riesig für seine Zeit und zugleich intim, leuchtend in Blau und Gold und dennoch aus Holz, Zeichen höfischer Eitelkeiten wie des Bewusstseins für Vergänglichkeit – das ist das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Es war der 1748 von Markgräfin Wilhelmine eröffnete...
