Bittersüße Rache

Lydia Steier reist mit Halévys «La Juive» an der Staatsoper Hannover ins Mittelalter, Constantin Trinks findet die Balance zwischen Lyrismus und Drama

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Kinder, sagt man, können grausam sein. Sie quälen Tiere, streuen heimlich Reißzwecken auf Lehrerstühle, und manchmal vergreifen sie sich auch an ihresgleichen. Einfach so. Aus Lust, vielleicht aber schon mit dem Wissen darum, dass Macht eine geradezu magnetische Anziehungskraft besitzt. Die Szene, die sich während Ouvertüre und Introduktion zu Fromental Halévys «La Juive» auf der Bühne der Staatsoper Hannover abspielt, bestätigt diesen Eindruck.

Ein Junge hüpft durch die mit Kreide auf den Boden gezeichneten Quadrate, dorthin, wo er zuvor einen kleinen Stein hingeworfen hat, konzentriert, selbstvergessen, verspielt. Doch während eine jubelnde Menge auf einer Tribüne am linken Rand Platz nimmt und die Lobpreisung des Herrn anstimmt, tritt ein anderer Junge hinzu und stößt ihn brutal zur Seite. Ohne Sinn, ohne Verstand.

Aber nicht ohne Grund. Denn sein Opfer trägt eine Kippa auf dem Kopf. Er nicht. Und darin liegt die tieftraurige Botschaft dieses Vorfalls. Es ist der Christenjunge, der den Judenjungen malträtiert. Weil er anders ist, weil er an einen anderen Gott glaubt. Und weil er, der Christenjunge, glaubt, seine Religion sei die bessere, rechtgläubige: orthodoxe. Die Freiheit ...

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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

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