Bittere Erfahrung

Damiano Michieletto erntet für seine Inszenierung von Rossinis «Guillaume Tell» Proteststürme, gegen die auch Antonio Pappano machtlos ist

Schon die Hochzeitsfeierlichkeiten im ersten Akt des «Guillaume Tell», Rossinis Grand Opéra über Fremdherrschaft, Widerstand und widerwilliges Heldentum, sind durchsetzt von düsteren Vorahnungen. Jeder hat so seine Sorgen, politisch wie privat: Tell selbst, der alte Melcthal und sein Sohn Arnold, sie alle stecken in einem Dilemma, und das findet musikalisch Niederschlag in nüchternen Klängen, einer Art getragener Eleganz.

Aber richtig spürbar wird der Terror der österreichischen Besatzungsmacht erst, als der Hirte Leuthold auftaucht, gehetzt, verfolgt: Er hat einen Soldaten getötet, weil der seine Tochter vergewaltigen wollte. Rossini ging in seiner letzten Oper fast wie ein Romancier vor. Dass wir uns an Leutholds Auftritt erinnern, ist essenziell für den dritten Akt, in dem die Schweizer Frauen genötigt werden, für die österreichischen Soldaten zu tanzen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was ihnen blüht, sollten sie sich den Invasoren widersetzen.

Damiano Michieletto führt in seiner Inszenierung am Royal Opera House die dieser Szene innewohnende Bedrohung schonungslos, schmerzhaft vor. Ein Trupp Soldaten nimmt sich eine der Frauen vor (die Schauspielerin ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Anna Picard

Weitere Beiträge
Körperlos durch den Orkus

Der Himmel ist blau, Möwen ziehen schräg durchs Blickfeld, eine Frühsommerbrise weht über das Ij, die Binnenalster von Amsterdam. Du liegst am Kai in einem blendend weißen Bett, neben dir eine sommersprossige Schöne, die dir Geschichten ins Ohr raunt ‒ von Kindern, die nachts aufwachen und ihre Eltern suchen, von der Hoffnung auf Glück und der notwendigen...

Was taugt ein Leben ohne Illusionen?

Das Interesse an Barockmusik ist in den letzten 25 Jahren enorm gestiegen», sagt Christophe Rousset in der Brasserie Excelsior und fährt mit einem Hauch Bitterkeit in der Stimme fort: «Aber die französische hat’s immer noch schwer. Das Rameau-Jahr zum Beispiel hat praktisch keine Spuren hinterlassen. ‹Platée› gibt es ja immer mal, doch das war auch schon vorher so....

Und jetzt Du!

Selbstmach-Oper bietet ein von der Interactive Media Foundation entwickelter OPERA MAKER für Kinder. Da können die Kleinen bedeutende künstlerische Entscheidungen treffen: Ist der Drache Held oder Bösewicht? Wie rettet die Prinzessin ihren Prinzen? Und welche berühmte Melodie passt am besten als Ouvertüre des neuen Meisterwerks? Aus einer überschaubaren Auswahl an...