Berlioz und Goethe
Steht da Willy Loman auf der Straßenbrücke, dicht an der Bruchkante? Der traurige Held aus Arthur Millers Nachkriegsdrama «Death of a Salesman»? Die Garderobe passt: weißes Hemd, brauner Anzug, Hut im Stil der 50er-Jahre (Kostüme: Pola Kardum).
Stumm schaut er von der notdürftig gesicherten Bauruine auf die Menge herab, die in die sandige Brache drängt: eine nature morte mit Bergsilhouette, Leinwand, einem alten Peugeot Pickup, roten Vorhängen und lebendem Schimmel, der zusammenzuckt, als der Chor der Opéra de Lyon im Oster-Bild das dreimalige «Hosanna!» schmettert (Bühne: Christian Friedländer). Bevor Willy alias Faust seine Auftrittsarie («Le vieil hiver») anstimmt, deklamieren die Choristen in scharf geschnittener Diktion: «Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit in der Türkei, / die Völker aufeinander schlagen.» Goethe, «Faust», erster Teil, zweite Szene: eine (Bürger-)Stimme aus dem Volk.
Natürlich stützt David Marton sich bei den eingeschobenen Sprechtexten, wie Berlioz für das Libretto von «La Damnation de Faust», auf die französische Übersetzung Gérard de Nervals. Die zeitlose Aktualität der ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’...
Rossini – «eine mediterrane Frohnatur»? Mitnichten: «Tatsächlich war [er] jahrzehntelang ein schwerkranker Mann.» Arnold Jacobshagen unterzieht in seinem Rossini-Buch viele lieb gewordene Mythen einer kritischen Überprüfung, mal systematisch (wenn er sich den verschiedenen Operngattungen in Rossinis Werk und später dessen möglichen Vorbildern widmet), mal...
Opernsänger sollen ja so geldgeil sein. Mi-mi-mi-mi-mi-mehr-Gaaaage! Ich finde das unfair. Wir glauben nämlich, die Dirigenten kriegen zu viel Kohle. Wenn man mal die Menge Klang bedenkt, die sie in den Aufführungen faktisch beitragen. Ein Stöhnen hier, ein Grunzen da – sonst ist von ihnen doch praktisch nichts zu hören.
Aber darüber will ich mich jetzt gar nicht...
