«Benimm dich bloß nicht wie ein Tenor!»

John Osborn singt Rollen, vor denen andere Tenöre kapitulieren: Bellinis Pollione zum Beispiel, Rossinis Arnold oder Otello. Im Gespräch mit Kai Luehrs-Kaiser gibt der amerikanische Belcanto-Sänger Auskunft über Chancen und Risiken der Spezialisierung

Herr Osborn, für Ihre Interpretation des Raoul in Meyerbeers «Hugenotten» sind Sie im vergangenen Jahr gefeiert worden. Wie haben Sie die Produktion in Brüssel erlebt?
Für mich war das eine ganz erstaunliche Erfahrung. Nicht nur, weil zwei Tenöre aus Iowa, nämlich Eric Cutler und ich, auf derselben Bühne standen. Sondern überhaupt. Mich zu besetzen, war eine Idee von Peter de Caluwe. Ich war eher unsicher, jedenfalls überrascht wegen der Heftigkeit der Partie. Dann aber dachte ich: Raoul war eine Prachtpartie des von mir verehrten Nicolai Gedda.

Die Idee, mich in dieselbe Richtung zu bewegen wie er, finde ich sehr reizvoll.

Warum waren Sie überrascht?
Die Partie liegt hoch, benötigt aber eine starke Mittellage. Und viel Finesse im oberen Register. Es fängt leicht und hoch an, wird dann aber ständig heroischer. Man braucht eigentlich einen echten Spinto-Tenor dafür. Eine verrückte Rolle! Aber in Wirklichkeit kommt sie mir sehr entgegen. Warum? Lange Rollen sind eigentlich genau mein Ding.

Wofür bewundern Sie Nicolai Gedda?
Für seine mezza voce. Für die Süße seines Tons. Er hat damit auch Raoul souverän gestalten können. Nicht zu stählern. Früher haben die Tenöre diese Rolle alle in ...

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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Interview, Seite 28
von Kai Luehrs-Kaiser

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