Plakative Sprengkraft

Volker Lösch bringt Beethovens «Fidelio» an der Bonner Oper als Tribunal gegen die Kurdenpolitik des türkischen Präsidenten auf die Bühne

Anders als das gerade vergangene Offenbach-Jahr verspricht das Beethoven-Jubiläum kaum Neuentdeckungen – schon gar nicht im Musiktheater. Natürlich können Ballettkompagnien die «Geschöpfe des Prometheus» für sich entdecken oder – wie demnächst in Bonn – das Oratorium «Christus am Ölberge» vertanzen. Im Grunde aber bleibt doch nur der «Fidelio», das mehrfach umgearbeitete Werk über die Freiheits- und Gattenliebe, in dem Ernst Bloch eine «Magie der Treue ohnegleichen» erkannte und das Trompetensignal als Ankündigung des Messias verstand.

Als einer, der aus eigenem Emigrantenleid wusste, wie in Deutschland die Freiheit mit Stiefeln getreten wurde, hat Bloch in Beethovens einziger Oper das utopische Morgenrot einer gerechten, von Liebe getragenen Gesellschaft gesehen, die den Deutschen immer so gründlich misslang.

Aber nicht nur den Deutschen. Der Regisseur Volker Lösch, einer der politischen Agitatoren im deutschsprachigen Theater, packt in seine Neuinszenierung des «Fidelio» am Bonner Opernhaus nicht die Gräuel der Nazizeit, er richtet den Blick vielmehr auf die Kurdenpolitik Recep Tay­yip Erdoğans. «Kommando Beethoven zur Sichtbarmachung von politischen Gefangenen in der Türkei» ist das Label der Aufführung. Das wirkt nicht nur auf den ersten Blick ziemlich gewaltsam, und wahrscheinlich hätte man das Stück mit gleichem Engagement auch als Folie für die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China oder Wladimir Putins autokratischen Kurs in Russland machen können. Aber das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist seit dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, bei dem der deutsche Verbündete tatenlos zusah, vor allem aber durch die Präsenz türkischer Migranten seit den 1960er-Jahren so eng wie heikel. Und seit dem Deal über die Abschirmung von Flüchtlingen aus Syrien fährt die deutsche Politik einen Schmusekurs mit der Türkei, bei dem allzu oft über die Menschenrechtsverletzungen durch Präsident Erdoğan hinweggesehen wird.

Da es in «Fidelio» zweifellos um politische Gefangene, Isolationshaft und Folter durch Hunger geht, streicht Lösch die Dialoge von Georg Friedrich Treitschke (man gibt die Letztfassung von 1814) und keilt zwischen die Musiknummern Berichte von «Zeitzeugen», die sich an einem Tisch am Bühnenrand versammeln. Der prominente Schriftsteller Doğan Akhanlı, der in türkischen Gefängnissen gefoltert wurde, ist dabei, Süleyman Demirtaş, Bruder der inhaftierten Ex-Vorsitzenden der pro-kurdischen Partei HDP, und weitere Vertreter oder Verwandte von Opfern der türkischen Justiz. Animiert von einem «Regisseur» (Matthias Kelle), werden nach Interviews mit den Betroffenen aufgezeichnete Texte gesprochen: schlimme Berichte von Folter, auseinandergerissenen Familien, der Korruption der Richter und der «Tradition des Wegschauens» in der EU-Politik, vor allem auf deutscher Seite. Zuweilen gesellen sich auch Sänger zu diesem Tribunal, das von Videokameras beobachtet und in Großaufnahme auf eine Leinwand projiziert wird. Darüber hinaus gibt es Aufnahmen von Massenprotesten und Gefängniskomplexen, Erdoğan wandelt staatsmännisch durchs Bild, und eine lange Sequenz aus der Stadt Cizre im mehrheitlich von Kurden bewohnten Südosten des Landes zeigt einen Zug von zivilen Helfern, der aus dem Hinterhalt beschossen wird – es gibt Tote und Verwundete, eine Blutlache versickert im Pflaster.

Texte und Bilderflut machen den Abend zu einer bewusst parteiischen, polemischen Anklage gegen einen Bündnispartner der EU. Am Ende, zu Beethovens Jubel- und Befreiungsmusik, schlägt der Appell vollends ins Plakative: Auf Transparenten wird zum Einsatz für die Gefangenen in der Türkei aufgerufen ‒ Postkarte an die Bundeskanzlerin oder die Oper Bonn genügt. Auch wenn die «Magie der Treue» hier rabiat durch die Aufforderung zu politischem Handeln ersetzt wird, vergewaltigt die Regie nicht die Musik, gibt ihr sogar die einstige Sprengkraft in einem von den napoleonischen Kriegen verwüsteten Mitteleuropa zurück. Die Figuren der Oper werden zu Marionetten des Systems: Sie zappeln in Träumen vom heimeligen Leben (Marzelline und Jaquino), vom ängstlichen Mitläufertum (Rocco), der Rettung durch übermenschliche Kräfte (Leonore) oder offenem Kampf (Florestan).

Die Bühne (Carola Reuther) ist eine so genannte «Green Box», wie man sie aus Nachrichtenstudios kennt: Während die Kamera die Figuren aufnimmt, lassen sich aufs leuchtende Grün Bilder projizieren. Manchmal fliegt Leonore (Martina Welschenbach mit unforciert schönem Sopran) als Retterin über türkische Haftanstalten oder Marzelline (Marie Heeschen mit stimmlicher wie szenischer Frauen-Power) auf einem rosa Sofa durch romantische Gegenden; der Bösewicht Pizzarro (Mark Morouse) fährt zu seiner Rachearie als osmanischer Wagenlenker mit Goldkettchen und falscher Heldenbrust die Gegner platt. Dass der Gefangenenchor und Florestan (Thomas Mohr mit vielen lyrischen Momenten, aber gelegentlich auch Höhenproblemen) als grüne Männchen auftreten, wirkt dann aber doch unfreiwillig komisch.

Trotz dieser ziemlich schrägen Mischung aus Video-Jokus und dokumentarischen Schocks wird die Aufführung ganz entschieden aus dem Orchestergraben getragen – vom Beethoven Orchester Bonn. Da vernimmt man eine Musik, die Beethovens Spanne vom überirdischen Quartett-«Kanon» im ersten Akt bis zum tönenden Terror der Pizzarro-Sphäre auf klangsinnliche und immer elektrisierende Art ausmisst. Dirk Kaftan vermeidet am Pult jedes Pathos, treibt die Musik nach vorn, hat das notwendige Gespür für Energieballungen, zelebriert nicht, sondern erzählt. Und immer wieder durchglüht ein Zorn diese Musik ‒ kein heiliger, sondern einer, der auf Seiten der Menschen steht. Vielleicht hat auch Volker Lösch das instinktiv gespürt.


Beethoven: Fidelio
BONN | OPERNHAUS
Premiere am 1. Januar 2020

Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung: Volker Lösch
Bühne: Carola Reuther
Kostüme: Alissa Kolbusch
Licht: Max Karbe
Video: Chris Kondek, Ruth Stofer
Chor: Marco Medved
Solisten: Martin Tzonev (Don Fernando), Mark Morouse (Don Pizarro), Thomas Mohr (Florestan), Martina Welschenbach (Leonore), Karl-Heinz Lehner (Rocco), Marie Heeschen (Marzelline) u. a.

www.theater-bonn.de


Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Michael Struck-Schloen