Bedingungslos werktreu
Wenn er in der ersten Probe ans Pult tritt, ist das Gros der Arbeit schon getan. Viel, ja: zu viel gilt es schließlich zu berichtigen, korrigieren, auszumerzen. Ohnehin hat Hartmut Haenchen gern eigenes Material dabei, was Musikerinnen und Musikern regelmäßig die Augen übergehen lässt. Fast in jedem Takt, fast auf jeder Note findet sich da ein für sie neues Vortragszeichen – so die Note überhaupt als korrekt befunden wurde. Deshalb passt die Berufsbezeichnung «Dirigent» nur bedingt zu Haenchen.
Er ist noch Quellenforscher, Musikhistoriker, Dozent in eigener Sache und kann dabei, auch davon wissen die Orchester lange Lieder zu singen, durchaus penetrant werden.
Dabei ist der Dresdner nur vom Selbstverständlichsten der Welt überzeugt: In der Interpretation manifestiert sich nicht der subjektive Wille des Dirigenten. Sie muss fußen auf stilistischem und historischem Bewusstsein, vor allem auf dem richtigen Notentext. Insofern ist für Haenchen jede Tradition zu hinterfragen – weil sie oft auf Moden basiert, falsch verstanden wird und sich gern erschöpft im «Das haben wir schon immer so gemacht». Wer so denkt und agiert, eckt an. Und manchmal wird dabei die Schwelle zum Politischen ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Markus Thiel
Unter Verdis Opern der mittleren Periode, die mit dem Erfolgsstück «Rigoletto» 1851 beginnt und elf Jahre später mit der Uraufführung von «La forza del destino» endet, nimmt «Il trovatore» schon allein deswegen eine Sonderstellung ein, weil zwischen dem Drama, auf dem dieses Bühnenwerk fußt, und dem Libretto, das ihm zugrunde liegt, eine eklatante Lücke klafft....
Lachen oder weinen, quasi – bei schrägen Polkas, Walzern und Galopptiraden – innerlich mittanzen oder das Ganze politisch «kritisch» verstehen und dementsprechend für sich interpretieren? Diese Fragen, die als wesentliche (und ja nach wie vor spannungsvolle) ästhetische Ambivalenzen auf die Dichotomie der Rezeption von Dmitri Schostakowitschs Musik abzielen, kommen...
Sie war, das lässt sich auch aus der historischen Perspektive kaum anders sagen, eine durch und durch außergewöhnliche Erscheinung – eine Persönlichkeit. Vom lieben Gott gleichermaßen mit Klugheit wie Schönheit und Raffinement im Umgang mit dem herrschenden (männlichen) Personal auf Erden ausgestattet, entwickelte sie sich zu einer der führenden Politikerinnen...
