Bayreuther Meilensteine
Zum Wesen des Skandals gehört eine Halbwertzeit, die gegen null tendiert. Je größer die Aufregung, je lauter das Gebrüll, desto schneller ist die Querele verflogen. Oft kann man sich schon wenige Tage nach den Tumulten nicht mal mehr genau an den Casus Belli erinnern. Plötzlich gilt die soeben noch heftig befehdete Sache als hip, man jubiliert, gibt sich mit dem Zeitgeist auf Du und will von Schmäh nichts mehr wissen. So war es immer. Bayreuth bildet da keine Ausnahme.
Der prominenteste Nachkriegsskandalfall: Götz Friedrichs «Tannhäuser»-Inszenierung von 1972.
Besonders die Chorbilder, etwa die «lederbemantelten» Mannen Hermanns im ersten Akt, hatten Alt-Wagnerianer und konservative Politiker in Wallung versetzt. Man drohte gar mit Subventionsstopp. «Offenbar» hatten die Anhänger des Landgrafen «Assoziationen an Gestapo- und Sicherheitsdienst-Leute» hervorgerufen, mutmaßt Wolfgang Wagner in seinen 1994 veröffentlichten Memoiren («Lebens-Akte»). Als die Choristen zum Schluss-Tableau auch noch in proloverdächtigen Kutten antraten, schrien die Traditionalisten erst recht zetermordio. Ein Ost-Berliner Regisseur, so das Verdikt der Gralshüter, schicke eine rote Arbeiterkampfgruppe vor, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Bilanz, die der französische Musikwissenschaftler Benoit Dratwicki im Booklet von Hervé Niquets Einspielung der «Proserpine» zieht, ist ernüchternd. Trotz der Begeisterung, die William Christies Produktion des «Atys» 1987 ausgelöst habe, hätten die Opern Jean-Baptiste Lullys bislang noch immer nicht zu breiterer Anerkennung gefunden. Immer noch würden einige...
Opernverfilmungen sind heikel. Meist sind sie es, weil die Regisseure szenisch wenig Risiko eingehen. Da bildet Václav Kaslíks Verfilmung des «Fliegenden Holländer» von 1974 keine Ausnahme. Mit glutroten Segeln kommt das Schiff daher, munter tobt der Sturm; wenn die Pauken donnern, folgen synchron Blitze am Himmel. Das Ganze ist in Szene gesetzte Schauerromantik....
Ein Komponist, den kaum ein Opernführer auch nur zu nennen weiß: Pietro Raimondi, 1786 in Rom geboren und dortselbst 1853 als Kapellmeister der Peterskirche gestorben. Dabei hat er sich schon rein quantitativ mit seinen – laut Riemann – 62 Musiktheaterwerken zumindest in die Annalen der italienischen Bühnen eingetragen. Seine von der Neuburger Kammeroper als...
