Bach. Irgendwo, irgendwann
Vom Bahnhof biegt mit anmutigem Abwärtsschwung eine Ladenzeile ab, Kirschbäume blühen vor viktorianischen Reihenhäusern. Queens Park, zehn U-Bahn-Minuten von der Innenstadt, atmet Kleinstadtfrieden. Aber auch London ist, Covid-bedingt, langsam dicht. Der Gourmet-Coffeeshop, wo ich Pavel Kolesnikov treffen soll, brüht nurmehr to go. Eine Bäckerei hat noch Tische offen – dort finde ich den Pianisten. Hallo, sagt er, «ist das okay für dich hier, oder ist es zu laut? Sonst können wir auch zu mir. »
Wir sehen uns um, wir sehen uns an.
Das Kaffeemahlwerk dröhnt, der Schäumer zischt. Stuhlbeinschaben, Menschenlachen. Das Band abzuhören wird die Hölle. Aber wir ahnen: Einfach im Café sitzen, das wird bald lange nicht mehr gehen. Wir bleiben. Gehen wir Händewaschen, schlägt Kolesnikov vor. Das tun wir. Erst ich, dann er. Der Auftakt hat was von Ritual, mir wird ein bisschen feierlich zumute.
Kolesnikov hat karamellblonde Locken und eine grün gerahmte Brille, wirkt trotz schwerer Lederjacke luftig. Ein schmaler Mensch mit feinen Zügen, der ewig jünger aussehen wird, als er ist. Wenn er sagt, dass ihn der als Kind erlebte Kollaps der Sowjetunion mit einer gewissen Krisentoleranz ...
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Opernwelt Juli 2020
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Wiebke Roloff-Halsey
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