Ausgebleicht

Überschreibungen I: Michael Hirschs «Dido»-Musiktheater in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin

Opernwelt - Logo

Das Stück ist sakrosankt, unantastbar. Vollendete Vokalkunst. Und einer der tristesten Klagegesänge der Musikgeschichte. «When I am laid in earth», Didos Weltabschiedsarie, trägt den Schmerz einer ganzen Epoche in sich, ist aber zugleich von einer so ätherischen Schönheit, dass man das Leben im Jenseits fast schon wieder als wunderbar imaginieren möchte. Der Tod als Geschenk.

«When I am laid in earth»: In der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin hören wir dieses Stück, überaus expressiv, vielleicht eine Spur zu pathetisch vorgetragen von Abigail Lewis, und doch ist es ein anderes Stück. Eine Übermalung, die allerdings mehr Aussparung ist; Entfärbung, ja Ausbleichung, so, als sei die Arie mehrfach in der Waschmaschine gewesen. Die Melodie ist, wie sie im Original klingt: schlicht, kantabel, fließend. Verändert sind ihre Kontexte, verändert ist die harmonische Struktur: Dissonanzen haben sich eingeschlichen, Aufrauhungen. Wie Kratzspuren auf vorbarocker Oberfläche, so klingt die Musik jetzt – und damit, wie in die Zeit gekommen, unsere Zeit.

Michael Hirsch hat sich dem Komponisten Henry Purcell für sein Musiktheater in zwei Teilen «Dido» behutsam angenähert. Bekundet seinen Respekt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 80
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Inkarnation des Belcanto

Mittwoch, 8. März. Ich sitze im Flugzeug Richtung Pesaro, jedoch zur falschen Jahreszeit. Es fühlt sich auch falsch an, denn normal herrscht Vorfreude auf unerhörte Belcanto-Schätze, Sänger-Entdeckungen und vor allem die Gesellschaft meines Freundes Alberto Zedda. Er, der das Pesaro Festival kreierte und seit je (beg-)leitet, steht heute ebenso für diese Stadt wie...

So nah, so fern

Manchmal sieht man es erst auf den dritten Blick. Wenn Vaters schmuckes Jackett speckige Flecken bekommt, wenn Mutter nur noch Billigstfleisch beim Discounter kauft – oder  wenn das Kind nicht mit auf Klassenfahrt kann: Es strauchelt sich schnell in exakt jenem sozialen System, in dem der wahre Status getarnt sein will. Existenznot beginnt mit kleinen,...

Späte Geburt

Länger als ein Jahrhundert hat es gedauert. Knapp 127 Jahre sind verstrichen, seit der Komponist letzte Hand an sein Bühnenwerk legte. An eine Oper, die Motive aus dem «Kalevala», dem finnischen Nationalepos, verarbeitet. Und eigentlich schon damals in Turku uraufgeführt werden sollte. Was erst jetzt, im Zuge der Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit Finnlands – erst...