Aus der Ferne schwebt der Klang

Benjamin: Written on Skin Sankt Gallen / Opernhaus

Wie Ameisen auf der Haut fühlt sich diese Musik an. Ein fortwährendes Kribbeln, kaum zu lokalisieren zunächst. Dann plötzlich beißender Schmerz: jähe Präsenz und Wachheit. In «Written on Skin» entdeckt George Benjamin das Große im Kleinen, also braucht auch Otto Tausk am Pult keine wuchtige Geste: Oft sind es die scheinbar flüchtigen Momente, ein Vibrieren der Kontrabässe, ein Schweben des Fagotts, eine singende Bratsche, die entscheidend zum emotionalen Nachhall der Sankt Galler Neuproduktion beitragen.

Ein Herr gibt den Auftrag, das Buch seines Lebens zu illuminieren.

Die Frau fordert Realismus anstelle von Heroisierung. Und verliebt sich in den Buchkünstler. Der Mann ersticht den Knaben und zwingt die Frau, dessen Herz zu essen.

Aus der Ferne schwebt der Klang: Mirella Weingartens Bühne besteht aus zwei Spiegelflächen, aus Boden und Himmel, die schräg aufeinander zulaufen und den Blick aufs Orchester lenken: Als gut sichtbarer Motor und Mitspieler ist es im Hintergrund platziert. Es ist eine ausgesprochen kluge Bühne, und Andreas Volks Licht macht sie vollends wandelbar, bis hin zum scheinbar zufäl­ligen Schattenspiel auf dem Sichtbeton des Theaterbaus.

«Written on Skin» ist eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Clemens Prokop

Weitere Beiträge
«Ich hab' noch einen Koffer in Bayreuth»

Frau Meier, Sie sind es gewohnt, als «große Sängerin» tituliert zu werden. War dies die unmittelbare Konsequenz Ihres «Übernacht-Erfolgs» als Kundry 1983 in Bayreuth?
Nein, in der eigenen Wahrnehmung ging die Geschichte früher los. Steil nach oben ging es für mich nicht mit Bayreuth, sondern nach meinem Debüt 1976 in Würzburg. Zwei Monate, nachdem ich dort...

Tauziehen

Knopf drücken, auf Grün warten und rüber zur Freitreppe. So einfach lässt sich derzeit das Augsburger Theater besuchen, ganz unbehelligt von Bauzäunen oder Baggern. Der Vorplatz ist frisch herausgeputzt. Doch was drinnen wartet, verfolgt die Verantwortlichen bis in Leserbriefspalten, Stadtratsdebatten und unruhige Träume. 235 Millionen Euro soll die Sanierung eines...

Im Austausch mit der Welt

Das Wesentliche lässt sich nicht immer in Worte meißeln, Auslassungen sind auch in der Kunst nicht das Schlechteste. Drei rosa Punkte leuchten an der Fassade des Luzerner Theaters, das mit diesem Signet seinen 175. Geburtstag markiert. Die Pfiffigkeit, mit der gefeiert wird, ist bezeichnend dafür, wie der Intendant Dominique Mentha das Haus auf Vordermann gebracht...