Aus der Ferne schwebt der Klang

Benjamin: Written on Skin Sankt Gallen / Opernhaus

Wie Ameisen auf der Haut fühlt sich diese Musik an. Ein fortwährendes Kribbeln, kaum zu lokalisieren zunächst. Dann plötzlich beißender Schmerz: jähe Präsenz und Wachheit. In «Written on Skin» entdeckt George Benjamin das Große im Kleinen, also braucht auch Otto Tausk am Pult keine wuchtige Geste: Oft sind es die scheinbar flüchtigen Momente, ein Vibrieren der Kontrabässe, ein Schweben des Fagotts, eine singende Bratsche, die entscheidend zum emotionalen Nachhall der Sankt Galler Neuproduktion beitragen.

Ein Herr gibt den Auftrag, das Buch seines Lebens zu illuminieren.

Die Frau fordert Realismus anstelle von Heroisierung. Und verliebt sich in den Buchkünstler. Der Mann ersticht den Knaben und zwingt die Frau, dessen Herz zu essen.

Aus der Ferne schwebt der Klang: Mirella Weingartens Bühne besteht aus zwei Spiegelflächen, aus Boden und Himmel, die schräg aufeinander zulaufen und den Blick aufs Orchester lenken: Als gut sichtbarer Motor und Mitspieler ist es im Hintergrund platziert. Es ist eine ausgesprochen kluge Bühne, und Andreas Volks Licht macht sie vollends wandelbar, bis hin zum scheinbar zufäl­ligen Schattenspiel auf dem Sichtbeton des Theaterbaus.

«Written on Skin» ist eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Clemens Prokop

Weitere Beiträge
Ein Hoch auf die Künstlichkeit

Dem Publikum im römischen Teatro delle Dame gefiel das Werk nicht, mit dem Pietro Metastasio sich 1728 als Librettist in der heiligen Stadt vorstellte. Dabei hatte der junge Dichter sich mit seinem Operntext größte Mühe gegeben und ein abwechslungsreiches Drama geschaffen, das dem Komponisten Leonardo Vinci eine ideale Vorlage  bot. Im Mittelpunkt steht Cato der...

Flachrelief

Jeder weiß, was gespielt wird. Von Anfang an. Und es sieht schwer danach aus, dass in dem braunschwarz furnierten Wohnregal, das Herbert Murauer auf die Bühne der Stuttgarter Oper gewuchtet hat, nicht die erste Swinger-Übung läuft. Was die drei Damen und die drei Herren schon so alles ausprobiert haben, wenn sich der Vorhang quietschend für das nächste Abenteuer...

Zeitloser Abgesang

Ein Theaterkönig stirbt. Und mit ihm die Kunst des Hörens, das mehr ist als das Horchen. Vom Lauschangriff ist allerdings nicht die Rede, schließlich ist Luciano Berios Musiktheater «Un re in ascolto» gute 30 Jahre alt. In Kassel erweist er sich als erstaunlich lebendig. Das liegt vielleicht daran, dass diese azione musicale in due parti bei ihrer Uraufführung 1984...