Auf Kante kanalisiert

Verdis «Otello» unter Yannick Nézet-Séguin aus der Met und Giordanos «Andrea Chénier» unter Antonio Pappano aus Covent Garden

Opernwelt - Logo

Ein Appetithappen nur. Aber wenn diese weiter so ausfallen, wächst der Hunger aufs Festmahl ins Übergroße. Zur Saison 2020/21 erst übernimmt Yannick Nézet-Séguin den Musikdirektorposten an der Met. Im Graben ist er dort schon seit einiger Zeit aktiv, unter anderem mit Verdis «Otello». Im Oktober 2015 offerierten die New Yorker ihre Neuproduktion als Kinoübertragung, David Shengold hat zu Bartlett Shers schwer lahmender Inszenierung zwischen verschiebbaren Plexiglas-Vitrinen in «Opernwelt» alles gesagt (OW 11/2015).

Die Close-ups bescheren diesmal nicht dankbare Intensivierung, sondern gnadenlose Entblößung: Auf DVD lässt sich das nachprüfen.

Doch entscheidend ist ohnehin anderes: eine musikalische Interpretation, die es in ihrer Schnellkraft, in ihren nie gefühligen, sondern natürlichen Lyrismen, in ihren klanglichen Kulissenwechseln, auch in ihrer gern staubtrockenen Rhythmisierung mit großen Vorbildern aufnehmen kann. Nézet-Séguin ist schnell, aber nicht verhetzt. Kein Sänger darf seine Phrasen ausstellen, musikalische Dramaturgie und Logik stehen über allem. Dass die Bühne stets eng verzahnt ist mit dem Graben, belegt: Die Solisten haben verstanden und gestalten in bestem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Individualität unerwünscht

In den letzten, pompös-auftrumpfenden, musikalisch aber brüchigen Takten verschwindet er: Calaf, der Prinz aus der Fremde, der Turandot so sehr begehrt, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt. Verschwindet in der Menge, die soeben noch rabiat seine Verbindung mit Turandot eingefordert hat. Calaf aber traut dem Frieden nicht (ganz wie einst Puccini), und er tut...

Im Zeichen des Dollars

An der Metropolitan Opera werden Programmhefte nicht verkauft, sondern mit vollen Händen ausgeteilt. Für die Werkeinführung müssen ein paar Absätze genügen, ansonsten: Werbung, Sponsorenlisten. In den USA, wo die Subventionen nicht der Rede wert sind, müssen Opernhäuser um jeden Dollar kämpfen. Selbst dieser Pilgerort der Afficionados, an dem Simon Rattles...

Zum Herzen

Das größte Kompliment, das Mozart je einer Sängerin machte, galt der von ihm nicht nur als Gesangskünstlerin angehimmelten jungen Aloysia Weber: Sie habe die für sie komponierte Konzertarie «Non sò d’onde viene» KV 294 mit genau jenem Geschmack (gusto), jener Methode (metodo) und jenem Ausdruck (espressione) gesungen, die er sich gewünscht habe. Von Gesangstechnik...