Auf dem Kreuzweg

Mannheim, Berio/Schlömer: Passaggio/Tre donne

Opernwelt - Logo

Zum Auftakt der Spielzeit gab Mannheims neue Intendantin Regula Gerber ihre Visitenkarte ab. Man eröffnete mit einer Neuinszenierung von Verdis «La forza del destino» (siehe Seite 6 dieser Ausgabe). Zwei Tage später die andere Seite der Karte: ein Abend mit Werken Luciano Berios.
Man sitzt im Schauspielhaus. Schwarze ansteigende Bühnenrampe. Über Bühne und Zuschauer eine Leiter, die Sprossen aus Neonröhren. Das Licht geht aus. Aber still ist es nicht: Der Chor sitzt im Publikum und mischt sich ein. Berio hat «Passaggio» eine seltsame Gattungsbezeichnung gegeben.

«Messa in scena» bedeutet einerseits Inszenierung. Was dabei inszeniert wird, ist das Phänomen der Oper als solches: Wie verhalten sich Zuschauer, wenn sie in die Oper gehen? Zum anderen heißt «Messa in scena» szenische Messe: Man wohnte auch einem fast kirchlichen Ritual bei, bei dem ein Individuum geopfert wird.
Thema des Stückes sind Masse und Macht. Das Personal der Oper ist auf eine Frau zusammengeschrumpft. Ihr steht die Masse des Publikums gegen­über. Aggressiv brüllt der Chor in den Zuschauerreihen auf sie ein. Die Frau erlebt eine Art Kreuzweg in sechs Stationen, während der sie sich immer mehr der Masse ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Thomas Rothkegel

Vergriffen
Weitere Beiträge
Märchen in der Provinz

Von Wien nach Osten parallel zur Donau. Zunächst Schwe­chat: der Flughafen, die Raffinerien. Der Kern der alten Kaiserstadt atmet noch den alten Charme. Die Außenbezirke dagegen zeigen den Moloch, der Wien auch ist. Die Autobahn nach Bratislava, nach Budapest führt schnell heraus ins Länderdreieck zwischen Österreich, der Slowakischen Republik und Ungarn. Pannonien...

Unerfüllte Sehnsucht

Vielleicht ist im Fall von Puccinis Bühnenerstling der Verzicht auf die Szene ein Gewinn. Zwar hätte sich Kirs­ten Harms, an Raritäten des Musiktheaters stets interessierte Intendantin der Deutschen Oper Berlin, gewiss auch einem voll ausgestatten Relaunch der tragisch krausen Schwarzwaldromanze «Le villi» (1883/84) des Fünfundzwanzigjährigen nicht verweigert, doch...

Original und Palimpsest

Dichtertum und Trunkenheit: Man kennt das in Graz. Werner Schwab starb vor fast zwölf Jahren in der Sil­ves­ternacht, Magic Wolfgang Bauer erst vor wenigen Wochen, beide wohl an alkoholischer Erschöpfung. So trifft das zerrüttete Bild, das der Titelheld am Schluss von Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» in Tatjana Gürbacas Grazer Inszenierung bietet, einen bekannten...