Arbeit am Mythos
Eine putzige Anekdote über den kleinen Peter Tschaikowsky geht so: Das elsässische Kindermädchen ertappte seinen Schützling eines Tages, wie er vor einem Atlas kniete und die Länder Europas als die Feinde Russlands bespuckte. Von der Französin zurechtgewiesen, dass man so etwas nicht tue, antwortete der Junge verschämt, er habe beim Spucken Frankreich mit seinen Händen verdeckt, um es zu schützen.
Das besondere Verhältnis des Russen Tschaikowsky zu Frankreich, dem Land, das er liebte, sollte sich später in vielerlei Hinsicht kompositorisch niederschlagen – auch in der Wahl des Sujets seiner 1881 uraufgeführten großen romantischen Oper «Die Jungfrau von Orléans». Wobei einschränkend hinzuzufügen wäre, dass zur Entstehungszeit eine künstlerische Auseinandersetzung mit der historischen Figur der Jeanne d’Arc nicht mehr als Ausweis ausgeprägter Frankophilie gelten konnte. Längst handelte es sich um vielfach adaptierten Stoff der Weltliteratur.
Dass man sich in Erfurt für die diesjährigen DomStufen-Festspiele des selten gespielten Werkes angenommen hat, ist nicht nur verdienstvoll, sondern in einer gewissen Traditionslinie zu verstehen: Bereits 1961 war Schillers Drama von der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Panorama, Seite 70
von Werner Kopfmüller
62. Jahrgang, Nr 9/10
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752348
REDAKTION OPERNWELT
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
redaktion@opernwelt.de
www.opernwelt.de
REDAKTION
Jürgen Otten (V. i. S. d. P.)
REDAKTIONSBÜRO
Andrea Kaiser | redaktion@opernwelt....
Wie oft bewährt sich die Kunst eines großen Sängers in Liedern, die schwerlich als «groß» zu bezeichnen sind – wie zum Beispiel in jenen Canzoni Napoletane, die, wie Adorno in seiner Musiksoziologie (1962) feststellte, «zwischen Kunstlied und Gassenhauer wunderlich die Mitte halten». Die Frage, ob sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts diesen Charakter behalten...
Wenn ein «Rheingold»-Mime nur sein «Nehmt euch in acht! Alberich naht» singen darf, wenn Donner und Froh gestrichen, die Nibelungen mit einem einzigen Schrei vom Band präsent und alle Szenen so drastisch gekürzt sind, dass dramaturgisch und musikalisch nur mehr teils abrupt aufeinander folgende Kernstücke übrig bleiben, dann muss wohl in den Tiefen des Rheins, den...
