Anmut und Grazie
Das Buch ist 402 Jahre alt. Ein Klassiker der Melancholie-Literatur, unmittelbar nach Ende der elisabethanischen Epoche verfasst, getüncht mit Shakespeare’scher Schlauheit und dem humanistischsouveränen Geist eines Thomas Hobbes. Und noch heute liest sich Robert Burtons anno 1621 erschienenes, poetisch wie philosophisch wirkungsmächtiges Traktat «The Anatomy of Melancholy» wie eine Zustandsbeschreibung der eskapistisch-spätmodernen Gesellschaft samt ihren Temperamenten, Tücken und Trieben.
Ein Werk liegt vor uns, das den Menschen, sein Verlangen und seine Schwermut schonungslos unter die Lupe legt und dort gleichsam seziert. Doch nicht staubtrocken, aseptisch, sondern durchglüht von einer enormen Fabulierlust und sublimem Schelmengeist. Will man die Musik dazu hören, empfiehlt sich Händels «L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato» nach einem Libretto von Charles Jennens (das wiederum auf Dichtungen John Miltons fußt), in Windeseile im eisverkrusteten Winter des Jahres 1740, wenige Monate vor dem «Messiah», zu Papier gebracht und gattungstechnisch nur schwer einzuordnen, vor allem deswegen, weil es in diesem durch und durch erhabenen Kunst-Stück kein erkennbares theatrales Narrativ ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 49
von Jan Verheyen
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