Alles und Nichts

Berg: Lulu Wuppertal / Opernhaus

Schon merkwürdig, wie routiniert, beinahe ungerührt die Musiker des Wuppertaler Sinfonieorchesters Lulu exekutieren. Der berstende Akkord, mit dem Berg ihr grausames Ende markiert, das zu einem schreienden Memento geschichtete Vertikalbild der Zwölftonreihe, die seiner Wedekind-Oper zugrunde liegt, kommt so verhalten, so beiläufig, als sei nichts passiert. Überhaupt scheint das Stück die Instrumentalisten im Graben des vorbildlich restaurierten Barmer Opernhauses wenig zu beeindrucken.

Expressives Brio? Kreatürliche Klangsinnlichkeit? Fieberndes Parlando? Schillernde Strukturen? Nichts davon war am Premierenabend zu hören. Kaum Filigran, kaum Transparenz, die Ausschläge matt, das Feuer erloschen in einem trägen, trüben Fluss.

An Toshiyuki Kamioka, dem scheidenden Generalmusikdirektor, hat es nicht gelegen. Der 55-jährige Japaner, in Wuppertal lange als Orchesterchef, zuletzt gar als Retter der krisenreif kleingesparten Oper gehätschelt, suchte mit klaren Handzeichen aus den Noten Funken zu schlagen, Motive und harmonische Verläufe zu konturieren, die Spiegelungen auszuleuchten, kurzum: Architektur und Ausdruck in eine dynamische Balance zu bringen. Allein, der Ertrag blieb ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Wir sind das Folk

Vor einem Vierteljahrhundert schien der Begriff «Volk» willkommen, vor allem durch die Parole frei nach Georg Büchner, die zur Wende führte. Mittlerweile scheint das Volkshafte jedoch wieder gefährlich beim «Völkischen» anzuklopfen, und auch das Volkslied hat diesbezüglich erneut einen gewissen Ruch nationaler Enge gewonnen. Dass Christian Gerhaher also dieses...

Aus der Zeit gefallen

Alle 42 Opern auf einen Schlag? Das muss eine Ente sein. Ist es aber nicht. «Wir haben das wirklich vor», sagt Tobias Wolff nach der Dernière des «Imeneo», mit der am Pfingstmontag die diesjährigen Göttinger Händel-Festspiele zu Ende gingen. In vier Jahren hofft der seit 2012 amtierende Intendant, den Marathon präsentieren zu können, zum 100. Geburtstag des 1920...

Denkanstoß

Ob mit dem genialen Cellisten Emanuel Feuermann, den er am 4. Juni 1924 in Poppers «Serenade» mit Bass-Schmackes am Klavier begleitet, oder als Dirigent, der dem vom «Launischen Glück» schmalzenden Joseph Schmidt (in Strauß’ «Tausendundeine Nacht») den Orchestersamt um den Tenor fältet – Frieder Weissmann war im Zeitalter der Schelllackplatte ein verlässlicher...