Doppelleben

Das Phänomen James Levine lässt sich nur begreifen, wenn man es von zwei Seiten betrachtet. Anmerkungen zu einer Karriere zwischen Sonnenstaat und Schattendasein

Am Ende sind es 19 Zeilen. Verbreitet auf der Homepage der Metropolitan Opera, garniert mit zwei Videos des Stars. «Unbestreitbare künstlerische Leistungen» werden gewürdigt. Doch dann «geriet seine Beziehung zum Haus aufgrund von Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens ins Wanken, und 2018 wurde er nach einer dreimonatigen Untersuchung durch einen externen Anwalt von seiner Position als emeritierter Musikdirektor entfernt». Mehr gibt es für das Haus, an dem James Levine ein halbes Jahrhundert lang dirigierte, davon 45 Jahre in musikalischer Verantwortung, nicht zu sagen.

Auf vielsagende Weise stürzt eine einzigartige Karriere auf den Nukleus dieser dürren Worte zusammen: Wer das Phänomen Levine fassen, begreifen will, der sieht sich einem Balanceakt ausgesetzt zwischen Weiß und Schwarz, zwischen musikalischem Glamour und Machtmissbrauch.

Für die Met bleibt er der wichtigste Dirigent des 20. bis beginnenden 21. Jahrhunderts. Musikalisch polyglotter war kein Pultmann seiner Preisklasse. Und kein anderer Kollege band sich so eng an ein Haus, ja lieferte sich ihm geradezu aus. Was am 5. Juni 1971 mit einer «Tosca»-Matinee begann (es sangen Grace Bumbry und Franco Corelli), endete 2018 ...

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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Abschied, Seite 44
von Markus Thiel

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