Apropos... Ekstase

Sie scheint ein Faible für außergewöhnliche Frauen zu haben, für Frauen am Rande des Wahnsinns, für exaltierte Frauen, und das bei Verdi ebenso wie bei Wagner oder Dusapin. Was der Mezzosopranistin Christel Loetzsch dabei hilft, sind eine staunenswerte Tessitura, eine variable Stimme und intellektuelles Vergnügen an der Rolle

Frau Loetzsch, unter den Partien, die Sie aktuell in Ihrem Repertoire haben, sind mit Verdis Eboli und Pascal Dusapins Penthesilea zwei Frauen, die mächtig in Raserei geraten. Fällt Ihnen dieser Gemütszustand gleichsam naturgegeben zu oder müssen Sie sich die Ekstase verordnen?
Nein, und ich gebe zu, dass ein solcher Gemütszustand eher hilfreich ist, um einen guten Absprung in eine wirkliche Verkörperung der Rolle zu finden.

Ich finde mich durchaus wieder in der Hysterie solcher Rollen und merke, dass es mir leicht fällt, sie zu interpretieren, auch weil ich dadurch einfacher diese kleine Hürde überspringe, etwas Außergewöhnliches zu tun. An diesen Punkt gelangt man ja immer wieder: Ich betrete ein Bühne und behaupte, dass ich nicht mehr die Privatperson Christel Loetzsch bin, sondern die jeweilige Kunstfigur. Natürlich hilft es am meisten, sich in ein Gefühl hineinzustürzen, das im «normalen» Leben etwas Übertriebenes wäre. Was die Penthesilea angeht: Sie ist ja schon in Kleists Drama eine Frau, die wir sehr schwer verstehen können. Aber auch sie selbst versteht sich ja kaum– was tut sie da, wenn sie am Ende den Geliebten verschlingt? Sie gerät außer Kontrolle, wird von der ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Jürgen Otten

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